Wer ständig über seine eigenen Kinder schreibt, muss sich irgendwann selbst zum Affen machen. Spätestens, wenn sie anfangen zu lesen. Unser Kolumnist Matthias Hohnecker hat das scherzhaft erfahren müssen.

Sport: Matthias Hohnecker (maz)

Stuttgart - Tochter E. steht vor der Mutter, sie hat eine Zeitschrift mit aufgeschlagener Unterwäschewerbung in der Hand, sie sagt: „Du, Mama, was heißt eigentlich BH?“ Die Mutter sagt: „BH, das heißt Büstenhalter.“ Tochter E., gerade neun Jahre alt geworden und bestimmter Körpermerkmale durch Hörensagen, Schulunterricht und vorpubertierenden Bruder mittlerweile kundig, sagt: „Aber Mama, was hat ein Busen mit einer Bürste zu tun?“ Woraufhin die Mutter in zurückhaltendem Erklärungston sagt: „Nicht Bürste, sondern Büste, also im Sinne von: Brüste.“

Das Bürste-Brüste-Büste-Gespräch ist an einem Punkt angekommen, an dem Tochter E. sagt: „Papa, das kommt jetzt aber nicht wieder in dieser Kinderkram-Kolumne.“ Tochter E., inzwischen medienerfahren, lässt sich Zitate neuerdings autorisieren. Unter einer Bedingung dürfe man aber weiter über ihre Missverständnisse und Versprecher berichten – wenn auch Erwachsene aus ihrem näheren Umfeld ins Blickfeld dieser Kolumne gerückt würden. „Hast du schon mal das von der Tante B. aufgeschrieben?“ Was jetzt folgt, ist also eine Art Ablasshandel.

Tante B. war neulich in ein Fachgespräch mit Sohn P. verwickelt, in dem es um Mobiltelefone ging. Sohn P., der morgen zwölf wird, in die sechste Klasse geht und zuweilen Kreuzworträtsel mit falschen, aber anzüglichen Begriffen füllt, aus denen Tochter E. ihr biologisches Halbwissen speist, dieser Sohn P. also beklagt sich nach wie vor darüber, dass er der Einzige in seiner Klasse sei, der noch kein Touchscreenhandy besitze. Auf das Argument, dass dies doch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal sei und dass er ja sonst auch nicht wie alle anderen sein wolle, reagiert Sohn P. in der Regel mit einem tiefen Fastzwölfjährigenseufzer und schiebt ein „Alter“ hinterher. Er wolle echt kein übles Tastenhandy mehr benutzen. Jetzt kommt Tante B. ins Spiel, die wachen Blickes und nicht ganz so hellhörigen Ohres fragt: „Du, P. was ist denn das – ein Torstenhandy?“

Torstenhandybesitzer P. guckt, als habe Tante B. nicht mehr alle Tasten im Schrank. Was Tochter E. als Ablass aber noch nicht genügt. Und so kommt jetzt Vater M. dran, von dem man unbedingt erwähnen müsse, dass er als Kind den Hund seiner Großmutter immer Gang-Gang (schwäbisch für „geh, geh“, also für „verschwinde“) genannt habe (vermutlich, weil der Hund vom Großvater immer mit „Komm, komm“ herbeizitiert wurde), zu Getränkewünschen aller Art „Gong-Gong“ gesagt und das Sandmännchen immer „Samensing“ gerufen habe. Deshalb hatte die ganze Familie den Verdacht, dass Vater M. in einem früheren Leben ein Chinese gewesen sein müsse.

Und ist der Ruf schon uriniert (was Vater M. auch schon mal – versehentlich! – geschrieben hat), könne man auch gleich noch hinterherschicken, dass er, also Vater M., bei einer anderen Zeitung laut Unterzeile einst ein Interview mit „einem palästinensischen Auto“ geführt habe, woraufhin nicht nur der besagte Autor „ein bisschen nass um die Blase“ geworden sei. Also in Wahrheit: blass um die Nase. Jetzt aber genug der Selbstdemütigung!

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