Kolumne „Kinderkram“ Der gute Onkel Lagerfeld

Karl Lagerfeld kommt mit Kindern gut aus. Sagt er. Foto: ZDF
Karl Lagerfeld kommt mit Kindern gut aus. Sagt er. Foto: ZDF

Stuttgart - Gott, ja, man passt sich an. Wer nicht. Wer will schon jung sterben, nur um ein Rock ’n’ Roller zu bleiben? Ein schleichender Prozess, den alle erleben, bis auf Karl Lagerfeld vielleicht, aber der kriegt jetzt, jenseits der siebzig, endlich auch eine Wampe. Zuerst schneidet man sich die Haare ab, dann wählt man Grün – und am Ende geht man noch mit dem Sakko ins Büro. Aber zu Hause wenigstens soll das andere, aufmüpfige Ich doch noch eine Chance haben. Man hört die alten Lieder – „Father and Son“ von Cat Stevens oder noch besser AC/DC – schwingt sich aufs Motorrad, schwingt revolutionäre Reden und benimmt sich schlecht. Dann kommt der Nachwuchs.

Das Rauchen habe ich mir schon abgewöhnt. Doch ab und zu fluche ich. Das ist therapeutisch sinnvoll, weil entlastend, pädagogisch jedoch fatal. Jedes Sch****, erst recht jedes F*** oder A******** könnte die Seele unseres Kindes zerstören. Ich muss mich also zusammenreißen, oder müsste. Ganz besonders verwerflich ist diese Angewohnheit, wenn andere Kinder anwesend sind. Die Blicke der Mütter schmerzen, die strengen Ermahnungen noch mehr. Aber wie man ohne lautes Fluchen Auto fahren soll, ist mir schleierhaft.

Schlechte Gewohnheiten lauern überall

Doch damit nicht genug. Schlechte Gewohnheiten lauern überall. Unser Sohn trinkt am liebsten aus der Flasche. Woher hat er das? Niemals das Messer in den Mund! Die Socken immer gleich wegräumen! Kein Alkohol vor 20 Uhr! Nicht am Kopf kratzen! Hand beim Husten vorhalten! Beim Essen nicht gestikulieren! Die Wurst immer mit der Gabel nehmen! Und nie, nie, nie bei Rot über die Ampel.

Doch damit nicht genug. Es gibt Verhaltensweisen, die unter Erwachsenen durchaus angemessen sind, nicht aber in Anwesenheit von Kindern. Manche Eltern haben das Wörtchen „nein“ aus ihrem Wortschatz gestrichen, weil sonst die Kinder in eine Verweigerungshaltung fallen könnten. Laute Musik im Haus könnte ihr Gehör und ihr kindliches Empfinden beeinträchtigen. Streit ist kontraproduktiv, also immer schön piano und stets konsequent.

Doch damit nicht genug. Gefährliche Hobbys sind für Familienväter nicht angemessen. Wer in der Kneipe versackt, verspielt seinen Vorbildcharakter. Und nie zurückschlagen, wenn dich einer anmacht – reden oder weggehen ist pädagogisch alternativlos.

Irgendwann wird unser Sohn groß sein, und er wird mich ansehen und sich fragen, ob ich immer schon so war. Und ich hab es doch nur gut gemeint. Andererseits: wenn es stimmt, dass Kinder immer das Gegenteil von dem machen, was die Eltern vorleben, sollten wir das mit den guten Vorbildern noch einmal überdenken.

Karl Lagerfeld übrigens sagt, er liebe Kinder und er komme prima mit ihnen aus. Das ist glaubhaft, denn er ist ja auch ein wirklich lustiger Onkel. Allerdings sagt er auch, sein Lebensstil sei mit Kindern unvereinbar, weil man ihnen so viel Zeit als möglich schenken sollte. Sie seien eben keine Haustiere. Ja, ja, der Onkel Karl. Macht, was er will – verhätschelt seine Musen und quält seine Katze. Aber der darf das – er ist ja kein Erziehungsberechtigter.