Kolumne „Kinderkram“ Kleine für Große

Von  

Wer braucht Leihmütter, wenn es Leihkinder gibt? Eben! Die StZ-Kolumnistin Verena Mayer hat eine vielversprechende Marktlücke entdeckt.

Wer sich allein nicht auf die Wasserrutsche traut, ist ein Kandidat für ein Leihkind. Foto: dpa
Wer sich allein nicht auf die Wasserrutsche traut, ist ein Kandidat für ein Leihkind. Foto: dpa

Stuttgart - Freunde der guten alten Videothek wissen es schon lange: leihen ist clever. Wer leiht, muss nicht viel Geld in etwas investieren, das nach einmaligem Gebrauch schon an Reiz verloren hat. Wer leiht, spart zudem Platz für die ständig auf den Markt drängenden Neuerscheinungen. Deshalb gibt es neben Videotheken auch Leihbüchereien und Leihwagen. Das Geschäft mit den Leiharbeitern basiert im Grunde auf demselben Prinzip. Bei Leihmüttern verhält sich die Sache zwar etwas anders – trotzdem: es gibt sie.

Was es nicht gibt, sind Leihkinder. Doch wenn wirklich etwas clever ist, dann ist es das: Kinder ausleihen. Aus einem gut sortieren Elternhaus wählt man ein pfiffiges Kerlchen oder ein witziges Mädchen aus – oder beides zusammen – , verbringt miteinander eine famose Zeit und hat bei der Rückgabe die betörende Gewissheit, dass die vorübergehend entlasteten Eltern ebenso beglückt sind wie der kurzzeitig berauschte Ausleiher.

Natürlich sollte es sich bei den Leihkindern nicht um Exemplare handeln, die kritischer sind als der Zustand eines vierfach überladenen Dreirads. Sie sollten also nicht entsetzt zusammenfahren, wenn ausnahmsweise jenes Wort fällt, das mit Sch beginnt und eiße endet. Vorwurfsvolle Blicke, weil die Straßenschuhe zugleich als Hausschuhe taugen, sind verboten. Naserümpfen, nur weil ein Blumentopf aus dem Fenster fällt, ist zu vermeiden.

Gute Leihkinder sind Kinder, die während ihrer Leihgabe all das mitmachen, was total unkorrekt – konkreter: unreif – wirkt, wenn es Erwachsene nicht in Gesellschaft von Kindern machen. Also 77-mal hintereinander Boxautofahren auf der Kirbe zum Beispiel oder wie angestochen durchs Maislabyrinth irren, auch nachts, wenn Monster zwischen den Stauden hervorspringen. Oder vorm Turm im Märchengarten so lange „Rapunzel“ schreien, bis der Flachszopf mürbe und die Stimme verbrannt ist. Oder Zelten im Garten, auch wenn es kalt ist und das Nachbarhaus in Sichtweite. Empfehlenswert ist die Mitnahme von Leihkindern zum Feuerwehrfest – vorausgesetzt dort ist ein HLF 30/50-5 T 32 mit viel Lalülala im Publikumsverkehr. Wirklich unersetzlich sind Leihkinder aber im Freibad. Schon mal den ganzen Tag kreischend die megamonsterhammergeile Steilrutsche im Oberstenfelder Mineralbad hinabgestürzt? Allein unter Kleinen? Oder allenfalls Großen, die auf ihre Kleinen „aufpassen“? Na bitte!

Gute Leihkinder runzeln nicht die Stirn, wenn der Leihnehmer die Regeln für Mau-Mau nicht kennt und bei einer Acht trotzdem ablegt. Sie fragen nicht, warum man nicht weiß, warum ein Maikäfer Punkte hat, die Banane krumm ist und Satelliten nicht vom Himmel fallen. Gute Leihkinder sind dankbar, dass sie die halbe Nacht Filme gucken dürfen, die sie daheim nicht zu sehen bekämen – mit Burger auf dem Schoß und Cola im Cocktailglas.

Kurz vor Ablauf der Frist sollten bei Leihkindern dann allerdings Mängel zu Tage treten. Sie sollten also Bauchweh kriegen, sich einen Arm brechen oder einfach nur so rumheulen, damit die Rückgabe nicht so schwerfällt.