Kolumne „Kinderkram“ Mädchen, die Gemüse essen

Schmeckt’s? Oder träumt sie von Pommies? Foto: dpa-Zentralbild
Schmeckt’s? Oder träumt sie von Pommies? Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Neulich war ich zu Gast bei Freunden, bald sollte es Mittagessen geben, und die beiden Töchter durften sich wünschen, was sie essen wollten. Die eine entschied sich für Brokkoli, die andere für Wirsing, und ich bekam weiche Knie. War das echt? Hatten sie gerade „Brokkoli“ und „Wirsing“ gesagt? In welchem ­Paralleluniversum war ich gelandet? Zwei Mädchen, gesund, unbedarft, lebenslustig – und sie wünschen sich Brokkoli und Wirsing. Ich hatte Tränen in den Augen. Nur noch verschwommen nahm ich wahr, wie die beiden Mädchen die Gabel ins Gemüse und zum Mund führten. War das ein Traum? Bin ich paranormal begabt? Kann ich Brokkoli essende Mädchen sehen, die sonst keiner sehen kann? Wie war ich an diesen Ort gekommen?

Essen ist ja das Riesenthema unter Eltern. Selbst die solidesten und konsequentesten Eltern, die ihre Kinder zum Geigeüben anhalten und ihnen beibringen, „Danke“, „Bitte“ und „Guten Tag“ zu sagen, selbst diese Eltern stöhnen: „Keine Ahnung, was man denen noch kochen soll.“ Alles schwierig. In der Tat ist es seltsam. Einerseits bin ich umgeben von erwachsenen Freunden, die ihr Risotto fotografieren und das Foto bollestolz auf Facebook stellen, damit alle, auch diejenigen, die nicht mit am Tisch sitzen, sehen, was da für ein tolles Risotto gelungen ist.

Auf der anderen Seite entwickelt sich der minderjährige Teil meiner Umgebung zu einer Ansammlung höchst komplizierter Esser, die im Grunde auch mit „einem Kilo Panade“ zurechtkämen, wie ein befreundeter Vater die Gewohnheiten seiner Tochter zusammenfasste. Wir selbst zum Beispiel begleiten seit geraumer Zeit ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, bei dem getestet wird, wie lange eine Mensch ohne die Zufuhr von Vitaminen und Gemüse auskommen kann. Führende Wissenschaftler sind verblüfft: Das Projekt läuft bereits im siebten Jahr – ohne Konsequenzen für den Probanden.

Das lässt nur einen Schluss zu: entweder, das mit den Vitaminen ist überschätzt und wird seit Jahrzehnten von Vitaminlobbyisten gepusht. Oder der Proband isst heimlich Zucchini und Blumenkohl, was sich hier aber keiner vorstellen kann. In jeden Fall könnte die Forschung für die Nasa relevant sein. Oder die CIA. Oder sonst wen.

Essen ist ein Riesenproblem. Und mit der Zahl der Kinder erhöht sich die Zahl der Gewohnheiten. Der eine sagt bei Kartoffelbrei: Ja! Der andere: Nein. Joghurt, die eine: Ja, der andere: Nein. Und so weiter. Gewissheiten gibt es keine, Regeln sowieso nicht. Jede Gewohnheit kann sich kurzfristig ändern, noch in derselben Woche, am selben Tag oder auch noch während der Mahlzeit. Unsere Aufgabe ist aber, zuverlässige Steuerzahler großzuziehen, und das möglichst gesund. Wir haben schon aus Karotten und Gurkenstreifen lustige Gesichter auf den Reis gebastelt, um die Nahrungsaufnahme etwas putziger zu machen. Aber was sieht das Kind? Gurken und Karotten. Das Einzige, was mir wohl noch bleibt: ich esse Brokkoli und Wirsing, mache dabei ein glückliches Gesicht, fotografiere mich und stelle das auf Facebook. Vielleicht gefällt’s ja.