Kolumne „Kinderkram“ Schlaflos im Schlafsaal

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Wenn zwei Kinder die Nacht zum Tage machen, hilft nur: Augen auf und durch. Der StZ-Redakteur Dieter Fuchs berichtet von eifersüchtigen Geschwistern und Jugendherbergsatmosphäre auf wenigen Quadratmetern Schlafzimmer.

Ja, wo bleibt er denn, der Schlaf? Foto: dpa
Ja, wo bleibt er denn, der Schlaf? Foto: dpa

Stuttgart - Wir haben noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir haben noch Kugeln in der Trommel. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Die Richtung stimmt.

Neuerdings zögere ich den Zeitpunkt des Schlafengehens immer ein paar Minuten hinaus. So, wie andere eine letzte Zigarette rauchen, bevor sie in den Gefängnishof treten oder in der Feuerpause im Schützengraben kurz die Fotos ihrer Lieben betrachten. Dann geht es hinauf in den ersten Stock, in die Nacht, in den Kampf.

Unser Großer schlief schon durch, im eigenen Bett, im eigenen Zimmer. Dann kam im Sommer sein kleiner Bruder. Weil der Kleine im Beistellbett neben der Mutter schlief, wollte auch der Große wieder ins elterliche Schlafzimmer. In unser Ehebett. Nein, es geht nicht ums Prinzip, es geht nicht um Intimität oder pädagogische Leitlinien – wird ja alles überschätzt. Es sollten nur alle gut schlafen.

Morgens hängen die Augen tief

Aber der Große schlief nicht, er randalierte. Lag auf uns (15 Kilo), steckte seine Finger in unsere Nasen, in unsere Augen und seine Füße in unsere Magengruben. Legte seinen Kopf auf unsere Köpfe und seinen Körper quer (96 Zentimeter) und diagonal ins Bett und beklagte sich, wenn sein Bruder neben ihm beim Stillen schmatzte. Morgens hingen bei allen die Augen tief, lagen die Nerven blank.

Phase II: Pendeldiplomatie

Es war klar: er würde besser schlafen in seinem eigenen Bett in seinem eigene Zimmer. Nur, wie ihn da hineinbringen? Eine Abmachung wurde getroffen. Er konnte jederzeit nachts rufen, und Mama würde kommen. Er rief oft, und Mama verbrachte die halbe Nacht neben dem Bett des Großen, im Sitzsack, dösend. Außer der Kleine musste gestillt werden, das durfte sie dann im Ehebett erledigen. Tatsächlich, der Große schlief besser. Aber Mama schlief überhaupt nicht mehr.

Phase III: Teilkapitulation

Okay, wenn schon nicht im eigenen Zimmer, dann wenigstens im eigenen Bett. Es wurde eine neue Abmachung getroffen: „Du darfst bei uns schlafen, musst aber in deinem Bett bleiben.“ Wir trugen das Kinderbett des Großen ins Schlafzimmer, wo schon das Beistellbett des Kleinen stand, und schufen damit die Atmosphäre eines Jugendherbergsschlafsaals auf wenigen Quadratmetern.

Jeden Abend, wenn wir den Großen ins Bett bringen, weckt er den Kleinen durch lautes Schlafliedsingen auf, was die Zeremonie auf eine Stunde ausdehnt. Dann haben die Eltern eine Stunde Pause, dann muss der Kleine Bäuerchen machen. Zurück im Wohnzimmer fallen uns bald die Augen zu. Die Nacht beginnt. Um Mitternacht will der Kleine trinken. Um ein Uhr will der Große ins Ehebett. Die daraufhin anhebende Diskussion mit ihm wird im Gästezimmer fortgesetzt. Zurück in seinem Bett jammert er so lange, bis der Kleine aufwacht. Um drei Uhr will der Kleine trinken, der Große wacht auf. Um fünf Uhr kommt der Große ins Ehebett, unbemerkt, weil die Eltern im Koma liegen. Um halb sechs ist der Kleine ausgeschlafen, und Mama steht auf. Der Große schläft neben Papa tief und fest. Das ist doch was.