Eltern verstehen kleine Kinder besser als große Kinder. Komisch, aber logisch. Glaubt jedenfalls unsere Kolumnistin Verena Mayer und versammelt ein paar schlagende Beispiele.

Region: Verena Mayer (ena)

Stuttgart - Wenn ein Kind zu sprechen beginnt, so ist dies unendlich viel bedeutsamer als das betörende Tschilpen der seltenen Trottellumme. Dieser Moment ist unsagbar viel erinnernswerter als das bezaubernde Erblühen des raren stängellosen Enzians. Und so unvorstellbar viel berührender als der sanfte Hauch, mit dem die erlesene Elsbeere an spätsommerlichen Abenden beseelte Waldbesucher streift.

So ungefähr wird man sich diesen einmalig beglückenden Moment vorstellen müssen, wenn ein Kind zu sprechen beginnt. Belege dafür gibt es keine, denn leider hat es die Natur so eingerichtet, dass Eltern, wenn ihr Kind zu sprechen beginnt, erst einmal die Worte fehlen – vorübergehend.

Und wenn sie sie wiedergefunden haben, dann klingt das so: „Unser kleiner Prinz spricht unglaublich viel. Ohne zu übertreiben, würde ich sagen, dass er schon sechzig Wörter draufhat, und es werden jeden Tag viele mehr.“

Oder so: „Unsere süße Maus begeistert mich jeden Tag mit dem, was sie sagt und wie gut sie lernt.“

Oder so: „Bei meinem wunderbaren Wunderkind stand von Anfang an die Schnute nie still. Man kann sich bereits richtig gut mit ihm unterhalten.“

„Buwa“ ist der Busen, „Butta“ die Fliege

Diese Unterhaltungen sind wahrscheinlich auch deshalb so richtig gut, weil die Mamas und die Papas alles verstehen, was die sabbelnden Brabbelfratzen von sich geben. „Ujajaja“ heißt selbstverständlich Traktor. „Kicki“ ist das Schwein, „Butta“ die Fliege, „Buwa“ der Busen. Was anderes sollte „dada“ bedeuten außer rausgehen? Und „deidei“ heißt – man ahnt es – natürlich schlafen. Beinahe schon möchte man mit den Eltern im Chor rufen: „Es ist wirklich erstaunlich, was dieses Kind in seinem Alter alles weiß“, erschiene es nicht viel erstaunlicher, was diese Eltern in ihrem Alter alles wissen.

Gelüstet es das Kind nach einer „Bretterbuzel“ – kommt sofort.

Dürstet es nach „Sapfelaft“ – wohl bekomm’s!

Verlangt der Wurm nach einem „Sachswalmtift“ – viel Spaß damit.

Freut er sich am „Wartenzerg“ – wie zucker-zucker-süß!

Eltern – weder Chabos noch Babos

Am aller erstaunlichsten jedoch ist, dass sich dieses intuitive Sprachgefühl zurückentwickelt, je älter die Eltern wie auch die Kinder werden.

Wenn ältere Kinder sagen: „Chabos wissen, wer der Babo ist“, machen ältere Eltern große Augen und sagen nix, voll kontrageil und unbabomäßig halt.

Wenn ältere Kinder sagen: „Du rallst gar nix, hast echt voll kp?“, gucken ältere Eltern, als ob sie gar nix rallen und echt voll keinen Plan haben.

Wenn ältere Kinder sagen: „Die Sis ist total aufgebitcht und ich bin fies unterhopft“, sehnen sich ältere Eltern nach Kicki, dem Schwein, und rufen hochnotverzweifelt: „Hilfe, ich versteh’ mein Kind nicht mehr!“

Liebe Eltern, keine Panik! Babos wissen: „Jugendliche brauchen zur Identitätsfindung die Auseinandersetzung mit den Alten, die eigene Sprache ist ein relativ ungefährliches Feld für diese Auseinandersetzung.“

Also, immer schön geschmeidig bleiben. Alles wird wieder easy. Oder crispy. Oder trottellummig.

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