Kolumne „Kinderkram“ Von Millionen keine Spur

Von Ulla Hanselmann 

Es ist gut, wenn Kinder sich früh an richtigen Vorbildern orientieren. Wenn die Eltern schon solche Verliererberufe gewählt haben, muss die nächste Generation die richtigen Prioritäten setzen, meint unsere Kolumnistin Ulla Hanselmann.

Das ist es, was leuchtende Kinderaugen hervorruft. Foto: dpa-Zentralbild
Das ist es, was leuchtende Kinderaugen hervorruft. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Ein Freund unseres Sohnes wünscht sich zu Weihnachten eine Kasse. Darin will er das Geld verwalten, das er besitzt. Sein Vermögen versteht der Viertklässler beständig zu erweitern. Das wöchentliche Taschengeld ergänzt er mit Einnahmen aus allen möglichen Dienstleistungen, die er gegen Bares verrichtet. Für drei Euro putzt er das elterliche Auto. Sein Berufswunsch steht fest: Bankdirektor. Seine Lieblingslektüre? Dagobert-Duck-Comics. Möglichst bald, so berichtet seine Mutter, will er wie Onkel Dagobert in einem See von Talern baden.

Das Kind, ein kluges Kerlchen und in Mathe selbstredend ein Ass, hat die Zeichen der Zeit verstanden: zu Geld kommt man heutzutage nur als Banker. Unser Sohn hingegen erweist sich in diesem Punkt als wenig originell. Seinen Berufswunsch teilt er mit Tausend anderen Buben in seinem Alter: Profifußballer will er mal werden. Das ist mit Abstand der am häufigsten genannte Traumjob für Jungs zwischen sechs und zwölf Jahren, wie eine Statistik belegt. Dass die Chancen, einmal ein Messi oder Götze zu werden, angesichts der immensen Konkurrenz verschwindend gering sind, kann ihn momentan leider noch nicht umstimmen. Hoffen lässt uns Eltern allerdings, dass weniger die sportliche Leidenschaft und das fußballerische Talent diesem Berufswunsch zugrunde liegen, sondern vor allem die Aussichten auf ein Millionengehalt.

Wie viel verdient man da?

Wenn wir darüber sprechen, was man alles so werden kann, brennt ihm immer nur eine Frage auf der Zunge: Wie viel verdient man da? Alles, was weniger als eine Million im Jahr bringt, wird sofort als minderwertige Beschäftigung verworfen. Nun gut, wir wollen nicht allzu unzufrieden mit dem Sohnemann sein, zumindest scheint auch er mit seinen neun Jahren schon kapiert zu haben: Geld regiert die Welt. Das kann man heute nicht früh genug lernen. Bei der erwähnten Statistik schneiden übrigens die Berufe Lehrer und Arzt am schlechtesten ab. Ja, es ist schon beruhigend zu wissen, dass die heranwachsende Generation klar erkennt, worauf es im Leben ankommt, und ihr die Gewinner der derzeitigen Finanzkrise als Richtschnur des Handelns dienen können: Nur gewissenlose Zocker kommen weiter; Moral, Idealismus, innere Werte – Alter, das ist ja so was von gestern!

Wir als Eltern unterstützen diese Haltung. Und wir sind das beste Beispiel, wie man’s besser nicht machen sollte. Bei der Berufswahl ließen wir uns einst von hehren Idealen leiten. So haben wir als Journalistin und als Architekt zwei wirklich wunderbare, erfüllende und gesellschaftlich wertvolle Berufe. Aber der Blick aufs Konto dient dem Jungen dann Gott sei Dank als schlagendes Argument, bloß nicht auf die Idee zu kommen, in unsere Fußstapfen treten zu wollen: von Millionen weit und breit keine Spur! Eines aber stimmt uns ein wenig nachdenklich: Schon im Kindergarten hat der Sohn bemerkenswerte Hochhauskonstruktionen gezeichnet (versehen mit dem Hinweis: „mit fil Beton“). Und beim Aufsatzschreiben stellt er sich auch nicht ganz dämlich an . . . Na ja, solche Flausen werden wir ihm schon wieder austreiben.