Kolumne: Knallhart oder verkünstelt – wie soll der „Tatort“ sein? Bloß keine Experimente!

Wenn geballert wird, wie im letzten „Tatort“ mit Til Schweiger, folgt „Der große Schmerz“ – im zweiten Teil. Foto: NDR
Wenn geballert wird, wie im letzten „Tatort“ mit Til Schweiger, folgt „Der große Schmerz“ – im zweiten Teil. Foto: NDR

Entweder den Fernsehredakteuren wird vorgeworfen, sie trauten sie keine neuen Erzählweisen zu oder die Filme seien zu unkonventionell: dem Zuschauer kann man es selten recht machen.

Kultur: Sybille Simon-Zülch
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Stuttgart - Das war mal fällig: „Ich kann das Wort ,Tatort‘ bald nicht mehr hören“, stöhnte kürzlich eine Kollegin. Es war in der heißen Zeit, als kurz hintereinander zwei, nein: drei „Tatorte“ die vor sich hindösende Krimigemeinde am Sonntagabend zu rasender Empörung trieben. Zuerst der Gaga-„Tatort“ mit Ulrich Tukur. Und kaum hatte man sich davon notdürftig erholt, pfiff es aus einem anderen Loch: der Tschiller-Action-Baller-Zweiteiler-„Tatort“ des inbrünstig gehassten Til Schweiger. So eine Unverschämtheit aber auch! Da waren sich Kritiker und Kommentatoren bei Twitter und im Netz weitgehend einig. Tenor: der „Tatort“ ist kein Platz für Experimente wie „Wer bin ich?“. Und was die „Tatorte“ der aggressiv beleidigten Leberwurst Til Schweiger angeht: die gelten bei Alt – wenn auch nicht bei Jung – sowieso als indiskutabel.

Man muss zwar weder den letzten „Tatort“ mit Ulrich Tukur mögen, noch den Zweiteiler von Til Schweiger, der überdies ja auch noch alles dafür tut, gehasst zu werden. Aber seltsam ist es doch, dass der „Tatort“ – wie ein sakrosankter Monolith des Durchschnitts – gegen „Experimente“ und überbordende Action verteidigt wurde. Ein Kritiker, der bereits das Ende des Sonntagabendkrimis heraufdämmern sah, wenn das in der Redaktion des HR so weiterginge, machte dem selbstreferenziellen Film im Film mit Ulrich Tukur sogar den geradezu grotesken Vorwurf: da hätten Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller nicht auf die Zuschauer Rücksicht genommen, sondern etwas gemacht, was sie selber sehen wollten.

Eine schlecht gelaunte Psychologin macht es nicht besser

Genau das Gegenteil wird aber sonst, mit Recht, manchen Redaktionen angekreidet: dass sie quotenfixiert (und zynisch) das „breite“ Publikum bedienen, Innovationen oder Wagnisse verhindern und Stumpfsinn produzieren, den sie selbst freiwillig nicht anschauen würden. Wie oft haben sich Kritiker oder Zuschauer schon gewünscht, gewisse Redakteure sollten mal dazu verdonnert werden, das Elend, das sie zu verantworten haben, selbst anzuschauen. Und wie oft hat man den Eindruck, manches werde einfach vor sich hingesendet, ohne dass eine Redaktion einschritte und den Karren aus seiner ausgelatschten Spur zöge.

Oder ist etwa ein „Tatort“ wie der vom WDR, „Benutzt“, mit den zwei altgedienten Fossilien Ballauf und Schenk ein Krimi, wie ihn die Redakteure selber sehen wollen? Glaube ich nicht. Der trottet so schläfrig durch die Zeit, dass die Kommissare den Stand der Ermittlungen ständig rekapitulieren müssen, um wieder aufzuwachen. Und was ist morgen? Endlich der vorletzte tranfunzlige „Tatort“ vom Bodensee, „Rebecca“, über eine 17-Jährige, die nach ihrer Entführung im Alter von zwei Jahren 15 Jahre lang die Gefangene eines Psychopathen war. Angelehnt an den Fall der Natascha Kampusch wird von Klara Blum, Kai Perlmann und einer schlecht gelaunten Psychologin so dilettantisch an der traumatisierten Titelfigur herumgedoktert, dass man es schier nicht fassen kann. Und die ansonsten so wunderbare Eva Mattes, sichtlich lustlos bei ihrem vorletzten Auftritt als Kommissarin, scheint sich in jeder Szene zu fragen, was sie in dieser Folge noch zu suchen hat.

Robert Atzorn selbst sieht wie ein Totenschädel aus

Das hat sich Robert Atzorn am Mittwoch auch gefragt, als er fürs ZDF im Krimi „Das Mädchen aus dem Todesmoor“ einen herzkranken Polizisten spielte, dem fünf Wochen vor der Pensionierung plötzlich einfiel, dass er einen unaufgeklärten Fall noch dringend lösen muss. Wie bei „Rebecca“ ging es auch hier exakt um einen Zeitraum von fünfzehn Jahren. So lang war es her, dass ein Mädchen aus dem Dorf verschwunden war. Aber nun wurde auf einmal, bei Ausgrabungen mit dem Bagger, ein Totenschädel und ein Skelett gefunden, und Robert Atzorn, von der Lichtregie selbst schon wie ein Totenschädel ausgeleuchtet, schritt zur Tat. Dumm nur, dass er seine eigene Tochter, die „Wanderhure“ Alexandra Neldel, als Mörderin entlarven musste – und seine Frau sogar noch davon wusste. Noch dümmer: dass sich die Knochen und der Schädel nicht als Überreste des toten Mädchens, sondern als vier- bis fünfhundert Jahre alte Knochen erwiesen haben. Das war nun definitiv vor der Zeit des Polizisten, da gab es keine Zeugen mehr zu befragen.

Aber so ist das eben mit dem Moor und seinen Leichen: Es bietet unendlich Stoff für Krimis und scheel blickende Dorfbewohner, die grundsätzlich etwas zu verbergen haben. Manchmal sogar die Langeweile, von der sie als Mitwirkende in solchen Standardkrimis gepeinigt werden. Wie gut, dass es am Montag im Ersten „Das Programm“ gegeben hat, den brillanten Thriller mit Nina Kunzendorf über eine Familie im Zeugenschutzprogramm. Den wollten die Redakteure bestimmt auch selber sehen.




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