Kolumne Kreis Böblingen Das Hörgerät stößt im Gemeinderat auf taube Ohren

Ein Held des Waldes: Robin Hood in der Verfilmung von 1973  Foto: Jauch und Scheikowski
Ein Held des Waldes: Robin Hood in der Verfilmung von 1973  Foto: Jauch und Scheikowski

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche ist die Ironie in der Kommunalpolitik kaum zu überhören – trotz überholter Technik. Besser, man verzichtet auf solche Anlagen.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Waldenbuch - Der Waldenbucher Gemeinderat hat es faustdick hinter den Ohren. Während im Kreistag ausgiebig darüber debattiert wurde, ob die Suche nach einem Deponiestandort nicht viel früher öffentlich gemacht hätte werden sollen, ­haben die Waldenbucher kein Problem mit der Öffentlichkeit. In ihrem Sitzungssaal ist die Akustik so schlecht, dass die Zuhörer das meiste nicht mitbekommen. Die Freien Wähler gaben sich nun bürgernah und beantragten den Kauf einer mobilen digitalen Höranlage für mehr Transparenz in der Kommune. Nach zwei Testläufen entschied sich die Mehrheit aber dagegen. Stattdessen wollen sie sich bemühen, künftig ­lauter und deutlicher zu sprechen.

Eigentlich eine sinnvolle Anschaffung

„Man hört da hinten wirklich schlecht, das wäre eine sinnvolle Anschaffung“, erkannte ein SPD-Stadtrat zwar die Vorteile der 18 000 Euro kostenden Anlage, als er bei einem Testlauf im Zuschauerbereich Platz nahm. Doch er verwies flugs auf die angespannte Haushaltslage – die die Räte Anfang des Jahres nicht daran gehindert hatte, ihre Sitzungspauschale zu erhöhen (wovon in Waldenbuch vermutlich niemand etwas mitbekommen hat). Der Hinweis einer Freien Wählerin auf die zunehmende Zahl an älteren Menschen verhallte ebenfalls ungehört. Sogar aus den eigenen Reihen wurde der Vorstoß für mehr Bürgerbeteiligung kleingeredet. Am liebsten hören sich die Gemeinderäte eben selbst reden – nicht nur, wenn sie an der Reihe sind: „Zwischenrufe sind nicht mehr möglich“, erkannte ein Fraktionskollege als ­klares Manko des Hörgeräts.

Zwischenrufe, die Bernd Vöhringer nicht spaßig findet

In der jüngsten Sitzung des Kreistags waren auch Zwischenrufe zu hören, die nicht jeder gern vernommen hat. Das war nur deshalb möglich, weil das Landratsamt ebenfalls nicht über eine hochmoderne ­Digitaltechnik verfügt. Die Ausstattung des Sitzungssaals stammt aus dem Jahr 1976. Eigentlich hätte der Raum längst ­saniert sein sollen, doch 2015 strichen die Kreis­räte die dafür vorgesehenen 1,5 Millionen Euro. Als der Landrat das Auswahlverfahren mit dem Schälen einer Zwiebel verglich – je näher man dem Kern kommt, desto mehr Tränen werden vergossen –, schallte es gleich aus den hinteren Reihen: „Manche heulen auch schon jetzt, weil sie Angst haben, was in der Mitte kommt.“ Nicht zu überhören war die Ironie von Andreas Knapp: ­„Jedes große Waldgebiet sucht seinen Helden“, sagte der Sindelfinger Stadt- und Kreisrat in Richtung seines Oberbürgermeisters. Der Sindelfinger Wald würde seit Hunderten Jahren darauf warten. Für Bernd Vöhringers Auftritte in den vergangene Wochen habe vielleicht Robin Hood das Vorbild abgegeben, vermutet Knapp. Sein Gegner sei allerdings nicht der Sheriff von Nottingham, bekanntermaßen ein gewalttätiger Bösewicht, sondern nur der Landrat, versuchte er ihm eine freundlichere Ausdrucksweise nahezubringen.

Die Antwort kam so laut und deutlich, wie sich dies die Waldenbucher Zuhörer in den Ratssitzungen wünschen würden: „Bei solchen Themen ist mein Humor gering“, wetterte Bernd Vöhringer in das überalterte Mikrofon. „Da erwarte ich Ernsthaftigkeit.“




Unsere Empfehlung für Sie