Kolumne Kreis Böblingen Ein Biest wird auf die Öffentlichkeit losgelassen

Zwei Rennmaschinen, die nicht für die normalen Straßen zugelassen sind. Foto: Landratsamt Böblingen
Zwei Rennmaschinen, die nicht für die normalen Straßen zugelassen sind. Foto: Landratsamt Böblingen

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche übt sich Thomas Sprißler in Medienschelte, der Kreis strotzt vor Pferdestärken – aber der Landrat darf sie nicht lenken.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Herrenberg - Am Herrenberger Krankenhaus ist etwas gehörig schief gelaufen. Aber Thomas Sprißler hat die Verantwortlichen dafür zum Glück an anderer Stelle ausgemacht: die Medien. Diese Reaktion ist völlig nachvollziehbar, denn die Medien sind seit geraumer Zeit ja wieder an allem möglichen schuld. Angefangen von der Flüchtlingskrise bis hin zu Stuttgart 21. In dem Fall war es die Eintragung des Krankenhauses in eine Landkarte mit Kliniken, denen eine unzureichende Qualität vorgeworfen wurde. Diese Tat hat das Magazin „Der Spiegel“ verbrochen. Über „die völlig irreführende Darstellung über die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in den Medien“ lamentierte der Oberbürgermeister daraufhin im Amtsblatt.

Als Beweis zitiert Thomas Sprißler eine Mitteilung des Klinikverbands Südwest. „Daraus geht hervor, dass eine verwaltungstechnische Übermittlungspanne dazu geführt hat, dass der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe vom Berliner Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen fälschlicherweise unzureichende Qualität attestiert wurde“, steht im Amtsblatt. Was genau wurde also völlig irreführend dargestellt? Richtig: irgendwelche Daten, die falsch waren, weil das Krankenhaus selbst eine verwaltungstechnische Panne fabrizierte. Diese Daten wurden dann auch nicht zuerst vom „Spiegel“ veröffentlicht, sondern bereits in der Untersuchung vom Berliner Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen.

Im Amtsblatt niemals ein negativer Bericht

Im Amtsblatt hätte Thomas Sprißler natürlich niemals einen negativen Bericht über das Herrenberger Krankenhaus abdrucken lassen. Insofern ist seine Medienschelte in gewisser Weise nachvollziehbar. Die verwaltungstechnische Panne wäre niemals publik geworden, wegen der die Klinik nun – in der Tat völlig zu unrecht – auf einer Landkarte zum Thema unzureichende Qualität zu finden ist. Ohne den „Spiegel“ und all die anderen Medien mit ihren schlechten Nachrichten könnte das Leben viel besser sein. Das haben auch schon andere Politiker im Lauf der Geschichte gedacht. Dass aber ein Mitglied der Freien Wähler zu einer völlig irreführenden Darstellung der Sachlage kommt und die Verschwörungstheorie bemüht, ist erstaunlich.

Allerdings sind die Medien dann auch wieder ganz nützlich, wenn es große Taten zu berichten gibt. Aus Herrenberg stehen ­momentan leider keine derartigen Nachrichten zur Verfügung. Aber der Landrat hat eine zu bieten: „Die Zusammenarbeit zwischen Industrie und öffentlicher Verwaltung funktioniert im Landkreis Böblingen“, ließ Roland Bernhard vermelden. Der Beweis: Wenn Porsche zwei nicht für die öffentliche Straße zugelassenen Rennwagen von Weissach nach Stuttgart-Zuffenhausen auf öffentlichen Straßen fahren will, dann wird dies auch genehmigt. „Eine nicht ganz einfach Aufgabe“, heißt es in der Mitteilung der Kreisbehörde, die diese Überführungsfahrt dennoch „federführend ermöglicht hat“. Das Problem war, dass die zwei Exemplare des Le-Mans-Protoypen „Porsche 919 Hybrid“ mit zusammen 2000 Pferdestärken viel zu schnell und viel zu tief gelegt sind für die Öffentlichkeit, und dass die Renn-Ausstattung auch nicht der Straßenverkehrsordnung entspricht.

Im Prinzip ist im Landkreis alles möglich

Am Ende durften vier Verwaltungshelfer in vier Begleitfahrzeugen bei dem Konvoi dabei sein. Außerdem wurde für die Rennfahrer Marc Lieb und Mark Webber ein auf die Gefahrenstellen der Strecke abgestimmtes Roadbook erstellt. „Man sieht, dass im Prinzip alles möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen und sich gegenseitig unterstützen“, freute sich der Landrat und fügte an: „Natürlich wäre ich gerne selber gefahren.“ Dass dies nicht genehmigt wurde, war sicher eine reine Vorsichtsmaßnahme. „Es war verrückt und faszinierend, dieses Biest im Rahmen der Straßenverkehrsordnung zu bewegen“, sagte der Formel-1-Pilot Mark Webber hinterher. Das klingt ganz so, als ob es ihm schwer gefallen ist, das Gaspedal nicht durchzudrücken. So geheim war die Überführungsfahrt übrigens, dass sie erst zwei Wochen nach ihrem Stattfinden veröffentlicht wurde. Falls etwas schief gelaufen wäre, hätten die Mendien vielleicht gar nichts davon erfahren.




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