Late-Night-Comeback Harald Schmidt erklärt, warum nichts über Stuttgart geht

Von Uwe Bogen 

Die Kritiker jubeln,das Bildungsbürgertum ist stolz wie Harry. Auf offener Bühne hat Harald Schmidt Stuttgart als Place to be heilig gesprochen. Unser Kolumnist war dabei und fragt: Wo führt so viel Stadtstolz nur hin?

Harald Schmidt bei seinem Solo-Auftritt im Stuttgarter Schauspiel. Foto: dpa/Schmidt
Harald Schmidt bei seinem Solo-Auftritt im Stuttgarter Schauspiel. Foto: dpa/Schmidt

Stuttgart - Stuttgarts Rolle ist es nicht mehr, der größte Streber von Deutschland zu sein. Stuttgart kann noch viel mehr. Stuttgart kann ausflippen und einen einzelnen Mann auf der Bühne wie einen Popstar feiern. Bei seinem grandiosen Late-Night-Comeback am Eckensee hat Harald Schmidt, mit 62 Jahren kaum älter als die meisten im Publikum, die Applausstürme zu drosseln versucht.

Menschen wie er bräuchten keinen Beifall, kam es mit verschmitztem ­Lächeln von der Bühne. „Ich weiß, dass ich gut bin“ sagte er. Die 700 Gäste im ausverkauften Schauspiel sahen keinen Grund zum Widersprechen.

Ihr Gott trägt weiße Haare.

Stuttgart ist die Tinder-Hauptstadt Deutschlands

Seine Witze waren klug, treffsicher, perfekt im Timing. Nicht viel dirty war am Harry. Nur eine Zote ist ihm durchgerutscht, die mit der Kontaktanzeige. „Suche Mann mit Pferdeschwanz“, habe eine Frau inseriert. „Frisur egal.“

Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) fand Harald Schmidt großartig. Mit Selbstbewusstsein und Stolz auf die Heimat hat der Entertainer das Publikum so sehr aufgeladen, dass sich keiner wundern sollte, wenn es die Stadt künftig so hält wie er. Stuttgart braucht keinen Beifall vom Rest der Republik. Völlig wurscht kann es uns sein, wenn man uns verspottet. Denn wir wissen, wir sind gut.

„Stuttgart – the Place to be!“ Diesen Slogan hat der Mann aus Nürtingen an diesem Abend ausgegeben, kaum, dass er die Spitzenstellung der Stadt in vielen Bereichen erwähnte. Stuttgart ist die Tinder-Hauptstadt Deutschlands! Nirgendwo sonst wird so eifrig nach rechts gewischt. Mit Wischen hat der Schwabe ausreichend Erfahrung dank Kehrwoche. Stuttgart hat mit Winfried Kretschmann den beliebtesten Politiker in Deutschland! Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Stuttgart ist Kulturhauptstadt in Deutschland! In keiner anderen Stadt, ist bei einer weiteren Studie herausgekommen, wird so wenig geschlafen wie in Stuttgart. Wer dachte, New York ist die Stadt, die nie schläft, war noch nie bei uns.

Harald Schmidt ist ein Fan von Ützel-Brützel

Stuttgart – the Place to be! Dieser Slogan klingt besser als die olle Stadt zwischen Hängen und Würgen. Ein absoluter Place to be ist für Herrn Schmidt der Imbiss Ützel-Brützel an der Königstraße. Eine Stadt, in der ein Dönerladen Ützel-Brützel heißt, ist ohne Zweifel ganz oben in der Komikerliga angekommen.

Man traut Herrn Schmidt viel zu. Gut hätte es sein können, dass er auf die Bühne für sein Late-Night-Comeback die vielen Bierbänke und Biertische hat aufbauen und die Lichterkette aufhängen lassen, wo doch gerade der Wasen tobt. Hat man für den Star das Innere eines Bierzeltes nachgestaltet? Schmidt hasst Sentimentalitäten, lieber aber aktuelle Anspielungen. Nein, ums Volksfest geht’s nicht. Der 62-Jährige steht in der Kulisse der Italienischen Nacht, die im Schauspiel gespielt wird. Und er geht bestimmt lieber zu Ützel-Brützel als zum Maßkrugstemmen. Aber der Entertainer macht Ausnahmen: Am Sonntag sah man ihn zum Brunchen in der Cafébar Herbertz.

Klatschen Sie jetzt nicht!

Stuttgart – the Place to be. Muss man erst mal draufkommen! Im März 2008 hat Klaus Wowereit, damals Regierender Bürgermeister, die Imagekampagne „Berlin – the Place to be, be Berlin“ gestartet – in einer Stadt, die arm, aber sexy ist. Stuttgart ist reich und sexy, das macht den Unterschied. Wir können damit umgehen. Nur Understatement unterfordert uns auf Dauer. Stuttgart, wo vor über 40 Jahren die Karriere von Schmidt an der Schauspielschule begann, ist aber so stark, dass er hier nicht wohnen will, sondern lieber in Köln bleibt, um uns auf der Ferne bewundern zu können. Klatschen Sie jetzt nicht! Wir wissen, dass wir gut sind!

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