Kolumne „Mensch, Mutter“ Die verwahrloste Mutter

Von Lisa Welzhofer 

Wenn unsere Kolumnistin nach langer Zeit mal wieder zum Friseur geht, guckt der sie schon mitleidig an. Und auch sonst hat sie das Gefühl, nach und nach zu verwahrlosen.

Hauptsache, das Kind sieht ordentlich aus. Foto: Welzhofer
Hauptsache, das Kind sieht ordentlich aus. Foto: Welzhofer

Stuttgart - Kürzlich guckte ich mir Fotos aus meiner Schwangerschaft an und stellte fest, dass ich damals einfach fantastisch aussah. Die Haut war rosig, die Haare glänzend, das Gesicht etwas fülliger, wodurch die Falten weniger waren. Kurz: Ich hatte diesen Schwangeren-Glow, der sich auch noch ein paar Monate nach der Entbindung halten sollte. Danach allerdings ging es mit mir rapide bergab, also optisch gesehen.

Kürzlich unterhielt ich mich mit dem Kollegen von der Kindskopf-Kolumne darüber, wie schnell man doch als Eltern verwahrlosen kann. Dem Kollegen zum Beispiel passt, seit er Vater ist, angeblich manche Hose nicht mehr, was seiner Analyse nach vor allem daran liegt, dass er nachts häufig ein Baby auf dem Arm durch die Wohnung schaukelt – und dabei dummerweise öfter mal am Kühlschrank hängen bleibt.

Ich hatte nach der Geburt meiner Kinder das gegenteilige Problem. Ich nahm ziemlich schnell, ziemlich viel ab. Das Stillen kombiniert mit der Schlaflosigkeit und der Aufregung („Hilfe, ich bin ja jetzt Mutter!!!“) laugten mich aus. Am Ende wog ich weniger als vor der Schwangerschaft und alle machten sich Sorgen um mich. Meine Großmutter sagt immer, dass es ab einem gewissen Alter für Frauen nicht vorteilhaft ist, dünn zu sein. Seit ich 40 bin, weiß ich, was sie meint. Fett polstert Falten auf.

Wer hat schon Zeit zu duschen, wenn ein Säugling gefeiert werden muss?

Aber die Figurprobleme sind ja längst nichts alles. Auch in anderen Bereichen gerät man als Mutter aus seiner alten Form. Zum Beispiel klamottentechnisch. In der Elternzeit ist Frau gern in möglichst bequemen, stilltauglichen Klamotten unterwegs. Oder auch einfach mal bis 12 Uhr mittags im Schlafanzug. Und duschen, ja, wer hat schon Zeit zu duschen, wenn ein Säugling gefüttert, gewickelt, in den Schlaf getragen oder einfach nur stumm gefeiert werden muss?!

Und das ist ja auch alles gar kein Problem. Keine Sorge, ich fordere nicht, dass Mütter Herzogin-Kate-mäßig wenige Stunden nach der Geburt geschniegelt vor die Kamera treten müssen. Nein, mein Problem ist eher: Man gewöhnt sich halt schnell an den gemütlichen Schlabberlook, auch über die Elternzeit hinaus – also, zumindest ich.

Denn Zeit zum Klamottenkaufen hat man ja ohnehin nicht mehr und Gelegenheiten, sie auszuführen, noch weniger. Oder man verbringt sein kleines bisschen Mütter-me-time halt lieber mit Serienglotzen oder damit, sich endlich mal um die private Altersvorsorge zu kümmern, um die Renteneinbußen zwecks Teilzeit auszugleichen. Und irgendwie ist einem das eigene Aussehen auch gar nicht mehr so wichtig. Man ist ja jetzt Mutter und tritt in die zweite Reihe zurück. Und es macht ja auch viel mehr Spaß, all die niedlichen Kindersachen zu kaufen, als irgendetwas für sich selbst, das nicht gerade ein Stilltee oder Elternratgeber ist.

Ich trage die Pullover meiner Großmutter auf

Bei mir ist es soweit, dass ich meine Kleidung jetzt öfter mal am Supermarkt-Wühltisch kaufe (da gab es kürzlich total gemütliche Nicki-Jogginghosen) oder in den Regalen dieses Kaffeerösterei-Konzerns, wenn ich ohnehin den Wocheneinkauf erledige, oder ich trage eben die abgelegten Pullover meiner Großmutter aus den 80er Jahren auf. Wobei Letzteres zumindest auf mein Nachhaltigkeits-Konto einzahlt. Und Geld spart es noch dazu, was ich dann wiederum für die Altersvorsorge verwenden kann (siehe ein Absatz weiter oben).

Auch für Haare und Make-up gebe ich quasi nichts mehr aus. Mein Friseur guckt mich jedes Mal ganz mitleidig an, wenn ich gefühlt ein Mal im Jahr seinen Salon betrete. Meist kann er sich dann nicht mal mehr an mich erinnern.

Und wenn ich doch mal was kaufe, handelt es sich um Dinge, um die ich früher einen sehr großen Bogen gemacht habe, also zum Beispiel um praktische, leicht abwaschbare Jacken für jedes Wetter oder matschfeste Schuhe. Wenn ich mich in meinem Vor-Mutter-Leben über stillose Menschen in Trekkingklamotten und mit Rucksäcken mitten in der Stadt lustig gemacht haben sollte: Es tut mir ehrlich leid! Ich verstehe euch jetzt, ihr ward wahrscheinlich Eltern auf dem Weg zum Spielplatz.

Zurück in die Büro-Zivilisation

Was mich wieder ein bisschen zivilisiert hat, war die Rückkehr ins Büro. Denn dort muss man dann doch einigermaßen vernünftig aussehen, sogar in einer Zeitungsredaktion. Dabei zehre ich glücklicherweise immer noch von einem ziemlich großen Vor-Kinder-Fundus (wie viel Lebenszeit habe ich bitte früher in Geschäften verschwendet!?), auch, weil ich als Schwäbin natürlich nie etwas weggeworfen habe, was noch tragbar war.

Und irgendwann geht offenbar auch diese Zeit der Selbst-Vernachlässigung wieder vorüber, wie ja mit Kindern ohnehin alles nur eine Phase ist. Der Nachwuchs wird älter, die Freiräume größer, das Ich kämpft sich zurück in die erste Reihe, also natürlich neben die Kinder, nicht davor. Kürzlich war ich tatsächlich in der Innenstadt. Eigentlich wollte ich Schwimmflügel kaufen, aber dann blieb ich in der Kaufhaus-Damenabteilung hängen. Innerhalb von einer halben Stunde kaufte ich einen Mantel, ein Kleid und einen Blazer – nur für mich. Danach ging ich sogar noch einen Kaffee trinken – ganz allein. Es war ein gutes Gefühl. Ich hatte natürlich keinen Taschenspiegel dabei, aber ich glaube, ich hatte sogar kurz so ein glowmäßiges Leuchten in meinem Gesicht.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt.

Sonderthemen



Unsere Empfehlung für Sie