Kolumne „Mensch, Mutter“ Meine Freunde sind alle Babyfaces

Das Kotnerfei der Tochter oder der Sohnes als eigenes Profilbild bei Facebook oder WhatsApp? Geht gar nicht, findet unsere Kolumnistin Lisa Welzhofer. Foto: dpa
Das Kotnerfei der Tochter oder der Sohnes als eigenes Profilbild bei Facebook oder WhatsApp? Geht gar nicht, findet unsere Kolumnistin Lisa Welzhofer. Foto: dpa

Das eigene Kind als Profilfoto für den Account bei Facebook, WhatsApp und Co.? Geht gar nicht, findet unsere Kolumnistin. Das sei ein bisschen so, als hätte man die eigenen Identität an der Kreißsaaltür abgegeben.

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Stuttgart - Wenn ich durch meine Kontakte in den sozialen Medien scrolle, gucken mich viele fröhliche Kindergesichter an. Nicht weil ich mit lauter Säuglingen und Kleinkindern befreundet wäre, sondern weil deren Eltern – meine eigentlichen Freunde – statt eines Fotos von sich lieber eines ihrer Kinder verwenden, um sich darzustellen.

Ich finde das auf der einen Seite ganz praktisch. Immerhin kann ich so auch bei Leuten, die ich selten sehe, verfolgen, wie deren Nachwuchs sich entwickelt. Manche meiner Kontakte bestehen sogar ausschließlich darin, dass ich von Zeit zu Zeit deren aktualisiertes Profilbild ansehe. So habe ich schon von einigen Schwangerschaften und Geburten erfahren.

Das Kind als Profilbild – ganz schön merkwürdig

Auf der anderen Seite – und damit riskiere ich jetzt wahrscheinlich einige Entfreundungen – finde ich es ganz schön merkwürdig, sein Kind als Profilbild zu verwenden. Das ist doch ein bisschen so, als hätte man die eigene Identität an der Kreißsaaltür abgegeben, um von nun an nur noch als Mutter oder Vater von xy in der Öffentlichkeit aufzutreten. Klar, auch ich finde meinen Sohn und meine Tochter um einiges süßer als mich selbst, trotzdem käme ich nie auf die Idee, meine Kinder ihren Kopf für mich hinhalten zu lassen.

Das hat allerdings noch einen anderen Grund als den, dass ich auch weiterhin als eigenständige Person mit meinem eigenen (wenn auch weniger niedlichen) Gesicht wahrgenommen werden will: Ich versuche, meine Kinder weitestgehend aus den sozialen Netzwerken heraus zu halten, damit sie irgendwann mal selbst entscheiden können, welche Bilder von ihnen im Internet auftauchen sollen. Und damit nicht irgendjemand irgendwas mit ihren digitalen Köpfen und Körpern machen kann. Deshalb poste ich grundsätzlich keine Fotos von ihnen. (Wahrscheinlich werden mein Sohn und meine Tochter irgendwann über ihre altmodische, datenhysterische Mutter den Kopf schütteln, aber dann haben sie es wenigstens selbst entschieden.)

Ambivalenz zwischen Elternstolz und Datenschutz

Zugegebenermaßen ist diese Kinderfotoabstinenz nicht immer ganz einfach durchzuhalten. Auf den Plattformen digitaler Selbstdarstellung geht ja vor allem darum, zu zeigen, wer man ist, was man denkt und wie man lebt. Und da gehören die Kinder ja untrennbar dazu.

Diese Ambivalenz zwischen Elternstolz und Datenschutz beobachte ich auch bei anderen Müttern und Vätern im Netz. Sie führt dann oft zu merkwürdigen fotografischen Verrenkungen, zum Beispiel zu Fotos von einzelnen Kindergliedmaßen oder Kindern inkognito: Ich weiß gar nicht, wie viele Fotos von Säuglingshänden und -füßen ich auf Facebook schon gelikt habe. Alternativ auch Kinder von hinten, Kinder im Gegenlicht, Kinder mit Haaren vorm Gesicht oder der Mütze über die Augen bis zur Nase gezogen (um die Gesichtserkennung auszutricksen). Ganz ehrlich: Dann lieber gar keine Fotos.

Als ich kürzlich einer Freundin im Ton moralischer Überlegenheit erzählte, dass ich in Sachen Recht am eigenen Bild bei meinen Kindern alles richtig machen würde, wies sie mich darauf hin, dass ich den Nachwuchs dafür auf andere Weise ins Internet zerren würde. Zum Beispiel, wenn ich lustige Begebenheiten mit den Kinder auf Facebook postete. „Gibt es nicht auch ein Recht am eigenen Wort für Kinder?“, fragte die Freundin. Und außerdem schriebe ich immerhin diese Online-Kolumne, in der mein Sohn und meine Tochter ja auch irgendwie Thema wären.

Ich habe länger darüber nachgedacht und finde, sie hat natürlich schon ein bisschen recht. Deshalb: Liebe Leserinnen und Leser, stellen Sie sich meine Kinder beim Lesen dieser Kolumne doch bitte von hinten vor – oder am besten mit einem schwarzen Balken über den Augen.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.




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