Kolumne Mensch, Mutter Mit Kindern über das Böse reden

Bislang sind die Superbösen aus Ninjago das Böseste, was ihre Kinder kennen. Foto: Welzhofer
Bislang sind die Superbösen aus Ninjago das Böseste, was ihre Kinder kennen. Foto: Welzhofer

Rechter Terror, Kriege, neue Viren – Wie erkläre ich meinen Kindern, dass die Welt noch böser ist als Bürgermeister Humdinger aus „Paw Patrol“? Und: Ab wann erkläre ich es ihnen überhaupt? Das fragt sich unsere Kolumnistin.

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Stuttgart - Mein sechsjähriger Sohn ist ein einziges großes Fragezeichen (wovon ich hier schon einmal ausführlich erzählt habe). Sobald er zum Beispiel irgendwo ein Bild oder Foto sieht, will er wissen, wer oder was darauf abgebildet ist, wo das war und vor allem WARUM bitteschön? Die Fragerei wird für den Mann und mich regelmäßig zur Grenzerfahrung, weil sie uns eben Grenzen aufzeigt. Zum einen die Grenzen unserer Allgemein- und Spezialbildung (zum Beispiel in den Bereichen Astrophysik, Paläontologie, Theologie und Bundesliga-Historie). Aber auch die Grenzen unseres didaktischen Vermögens, wenn wir uns fragen, wie wir unserem Sohn eigentlich was erklären sollen – und vor allem so, dass es ihn nicht direkt überfordert.

Und während diese Fragen für Themen wie Fußballspielregeln oder Dinosaurierarten recht einfach zu beantworten sind, und wir uns mit einer Mischung aus Halbwissen und Google durchhangeln, gibt es andere, bei denen das schon nicht mehr so eindeutig ist.

Wie viel Notlüge erlaubt?

Kürzlich beispielsweise erhaschte das Kind beim Frühstück einen Blick auf die Zeitungsseite über den rechten Amokmörder von Hanau und brachte mich damit direkt in Erklärungsnot. Sage ich ihm (und damit auch seiner anwesenden knapp dreijährigen Schwester) die Wahrheit? Nämlich, dass es Menschen gibt, die einfach so losziehen und anderen Menschen, die sie nicht mögen, weil sie anders sind als sie, erschießen? Oder speise ich ihn mit einer Notlüge ab, zum Beispiel, dass es in der Geschichte um einen Dieb geht (Diebe sind bislang nämlich der Inbegriff der Bösen für den Sohn)?. Oder gibt es einen kindgerechten und ehrlichen Weg dazwischen? Mir fiel in dem Moment keiner ein, weshalb ich irgendetwas von einem bösen Mann stammelte, der aber weit weit weg lebt.

Anders formuliert: Wann ist der richtige Zeitpunkt, meinen Kinder zu erklären, dass die Welt manchmal noch viel böser ist als der fiese Bürgermeister Humdinger aus „Paw Patrol“ oder die Superbösen bei „Ninjago“?

Angst, dass ein Tier im Klo sitzt

Ich glaube, ich bin in dieser Frage auch deshalb so unsicher, weil mein Sohn bisweilen ein eher ängstliches Kind ist. Wenn er zum Beispiel zusammen mit seiner kleinen Schwester ein Wieso-Weshalb-Warum-Buch über gefährliche Tiere anschaut, spielt das Mädchen danach, dass es eine Löwin ist. Währenddessen traut sich der Bruder nicht aufs Klos, weil dort eine Schlange sitzen könnte. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde das gar nicht so schlimm. Eine gewisse Portion Skepsis und Ängstlichkeit gegenüber dieser Welt ist durchaus angebracht. Sie bewahrt einen vor mancher Enttäuschung und steht für mich auch für die Fähigkeit zur Selbstreflexion. (Und, hey, auch ich kontrolliere bisweilen, ob da vielleicht ein Tier in unserem Klo sitzt – womit auch geklärt wäre, woher der Junge das hat...)

Jedenfalls scrollte ich am Tag, nachdem in Hanau zehn Menschen ermordet worden waren, durch meine Instagram-Timeline und sah die Fotos einer befreundeten Mutter, die mit ihren Kindern und „Fuck-Nazis-Schildern“ bei einer spontanen Demo gegen Rechts mitgelaufen war. Und ich fragte mich, ob das nicht genau der richtige Weg war, Kinder an das Thema heranzuführen. Weil so eine Demo eben das Böse thematisiert, aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit aufzeigt, etwas dagegen zu tun. Ganz sicher bin ich mir aber auch dabei nicht.

Die Wahrheit hinter dem Schnitzel

Sie sehen, ich habe zu diesem Thema keine abschließende Meinung. Zumal es da ja noch all die anderen Probleme gibt, mit denen Kinder direkt konfrontiert sind: Wie erkläre ich meinen Sohn zum Beispiel, was sein Kindergarten-Kumpel Mohamed erlebt hat, der vor ein paar Jahren mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist? Wann ist er bereit für die Massentierhaltungs-Wahrheit hinter seinem Schnitzel, die nichts mit der Bauernhofseligkeit seiner Kinderbücher zu tun hat? Wie bringe ich ihm schonend bei, dass wir sehr wahrscheinlich auch in Zukunft nicht mehr in Stuttgart Schlitten fahren können? Und was antworte ich auf die Frage, warum auf dem Weihnachtsmarkt so viele Polizisten unterwegs sind?

Schon klar, jede Zeit hat ihr Böses. Und die Verklärung der eigenen Kindheit als sorgenfrei hält ja auch keiner strengen Überprüfung stand. Ich hatten dank einer sehr linken Mutter, die mich übrigens in den 80er und 90er Jahren auch auf jede Menge Demos mitschleppte, halt Angst vor dem sauren Regen, Gudrun Pausewangs Wolke, dem Jäger 90 und vor allem vor Franz-Josef Strauß.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht genau dieser Blick auf meine Kindheit, der mich als Mutter auch ein bisschen beruhigen könnte. Jede Zeit hat eben ihren Bürgermeister Humdinger, mit dem man irgendwie umgehen, dem man etwas entgegensetzen muss. Das gehört zum Menschsein offenbar ganz einfach dazu.

Wie erklären Sie Ihren Kindern solche Themen? Wenn Sie mögen, erzählen Sie es mir in einer Mail an lisa.welzhofer@stzn.de

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt.




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