Eine Kindheit ohne Feinstaub und mit erschwinglichen Baumhäusern – unsere Autorin beobachtet unter ihren Freunden mit Kindern eine zunehmende Stadtflucht. Ein Unding, findet sie und bricht eine Lanze für das Leben in Stuttgart.

Stuttgart - Kürzlich habe ich mal wieder eine Freundin an das Land verloren. Sie ist mit Mann und zwei kleinen Kindern raus aus der Stadt gezogen, auf’s so genannte Land eben, das nicht selten ein Vorort ist. Kurz vor dem Umzug saß sie bei mir und erzählte fast schon hysterisch von den Segnungen der Provinz: „Wir haben dort ein Haus mit Garten!“, „Die Kinder spielen dort auf der Straße!“, „Es gibt überall Radwege“, „Gleich hinterm Haus beginnt das freie Feld!“. Ich sah sie an und dachte mir: „Nicht schon wieder eine!“

Denn in den vergangenen Jahren ist mir das mit einer ganzen Reihe von Freunden so gegangen: Menschen, die seit dem Studium in Stuttgart lebten und eigentlich glücklich waren im Kessel, gründeten eine Familie – und verschwanden. Geplant war das bei den wenigsten, aber mit Kindern veränderte sich offenbar ihr Blick auf die Stadt, die ihnen lange lieb und teuer war – und nun plötzlich einfach nur noch zu teuer.

Verklärte Erinnerung an die eigene Kindheit auf dem Land

Sicherlich gibt es gute finanzielle Gründe für die Stadtflucht. Allein eine bezahlbare, familientaugliche Wohnung zu finden – vielleicht noch mit ein bisschen Grün davor – ist in Stuttgart schwierig bis fast unmöglich.

Aber dazu beobachte ich bei vielen Eltern, die gehen, noch etwas anderes: eine ins bullerbühafte verklärte Erinnerung an das eigene Aufwachsen auf dem Land, an eine feinstaubunbeschwerte Kindheit jenseits des Kesselrandes mit sehr erschwinglichen Baumhäusern und endlosen unbeaufsichtigte Spielenachmittagen auf den Feldern, die sie nun ihrem Nachwuchs auch ermöglichen wollen. Dafür sind viele Mütter und Väter bereit, ihr Stadtleben hinter sich zu lassen und an Orte zu ziehen, die sie vorher oft nur vom Drüber-Lästern kannten.

Glück in fragwürdigen Neubaugebieten

Natürlich gönne ich meinen Freunden ihr Glück im Grünen, auch wenn es nicht selten in Gestalt architektonisch fragwürdiger Neubaugebiete daherkommt. Das Problem ist nur: Die wenigsten von ihnen habe ich - trotz anderslautender Versprechungen („Es ist ja nur eine halbe Stunde mit dem Zug!“) - je wieder gesehen. Das Land funktioniert wie ein großes schwarzes Loch, das einen höchstens mal kurz in den Kessel spuckt, wenn man mit den kleinen Kindern in die Wilhelma oder später mit den Pubertierenden zu Primark muss.

Vielleicht auch deshalb kommt die Stadtflucht für mich nicht in Frage. Klar, weniger Miete würde auch meine finanzielle Situation entspannen. Und wenn ich mit dem Kinderwagen an der verkehrsumtosten Bushaltestelle „Tunnel Ostportal“ stehe, frage ich mich, ob das jetzt bereits unter Kindesmisshandlung fällt.

In der Pubertät wurde es auf dem Lande öd

Allerdings erinnere ich mich noch recht verklärungsfrei an mein eigenes Aufwachsen auf dem Land, an das öde schwarze Loch, das einen, als man ab der Pubertät genug von Baumhäusern und Baggerseen hatte, gefangen hielt und das ich nach dem Abitur mit wehenden Fahnen verließ, auf denen stand: „Ihr seht mich hier nie wieder!“

Ich habe seither in mehreren Städten gewohnt, davon am längsten in Stuttgart. Ich mag diesen Ort. Ich mag das heiße Herz des Kessels ebenso wie das kühle Grün drumherum. Ich gucke den Tänzern des Staatsballetts zu oder den Schachspielern im Park. Ich schnaufe die Stäffele hoch, fahre mit der Seilbahn zum Waldfriedhof und mit dem Rad durch die Platanenallee im Schlossgarten – übrigens alles Dinge, die man wunderbar auch mit Kindern erleben kann.

Vor allem aber bin ich in Stuttgart angekommen. Ich habe hier Arbeit gefunden und Freunde. Hier hab ich gefeiert und gelernt, bin durch Krisen und Höhen gegangen, bin erwachsen geworden und habe am Ende eine Familie gegründet. Ich finde es nur logisch, meine Kinder hier aufzuziehen und nicht an einem anderen Ort, an einem Ort, an dem ich nicht gelebt habe.

Lesen Sie hier, warum unsere Autorin zum blödesten Zeitpunkt Mutter wurde

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

Lesen Sie mehr zum Thema

Stuttgart Mensch Mutter Familie