Die Tochter wacht alle zwei Stunden auf, der Sohn zieht sich in Zeitlupen-Geschwindigkeit an. Was tun? Unsere Kolumnistin ist sich oft unsicher, wie „richtige“ Erziehung geht. Und sie ist nicht die einzige.

Stuttgart - Ich bin immer wieder verunsichert, wie gute Erziehung geht. Wenn zum Beispiel meine 1,5 Jahre alte Tochter nachts alle zwei Stunden aufwacht und nur mit Fläschchen wieder einschläft. Oder wenn sich mein fast fünfjähriger Sohn morgens in Zeitlupen-Langsamkeit anzieht und nebenbei auf einem Bein die Handlung des letzten Hörspiels nachstellt. Dann frage ich mich: Wie viel Verständnis für kindliches Verhalten ist möglich (vor allem, wenn ich dringend zur Arbeit muss!). Und wie viel Strenge ist nötig. Und wie geht die überhaupt richtig? Also so, dass Eltern und Kinder dabei weiter kommen?

Das Gute dabei: Wenn ich mir die Eltern um mich herum ansehe, habe ich das Gefühl: Ich bin nicht allein mit meiner Verunsicherung. Das Schlechte: Ich bin tatsächlich nicht allein mit meiner Verunsicherung, es sind verdammt Viele!

Derzeit wird zum Beispiel ein Dokumentarfilm heftig diskutiert. Er heißt Elternschule und zeigt, wie Ärzte und Therapeuten, Familien helfen, die nicht mehr alleine klarkommen, deren Alltag nur noch aus Schreien, durchwachten Nächten und Kämpfen um jeden Essensbissen besteht. Der Film ist am 11. Oktober gestartet, aber er war schon zuvor – als man eigentlich nur den Trailer dazu sehen konnte – höchst umstritten. Es gibt eine Onlinepetition, die ein Ausstrahlungsverbot fordert. Sie wurde bislang von mehr als 10 000 Menschen unterschrieben. Gleichzeitig gibt es aber auch Stimmen, die ihn als große Hilfestellung für Eltern feiern.

Die Filmemacher von „Elternschule“ müssen sich Nazi-Vergleiche anhören

Der Grund für die heftigen Reaktionen: In Gelsenkirchen werden in den Augen der Kritiker zu rigide Methoden angewandt. Also zum Beispiel werden Kinder, die sehr schlecht schlafen, nachts in ihrem Bett in einem dunklen Raum allein gelassen. Und zwar so viele Nächte, bis sie gelernt haben durchzuschlafen.

Ich kann zu dem Film nichts sagen. Ich habe ihn nicht gesehen. Und es geht mir dabei auch um etwas anderes. Die Diskussion zeigt für mich, wie wenig sich Eltern in Deutschland darüber einig sind, was eigentlich „richtige“ Erziehung ist. Und sie zeigt auch, wie furchtbar verhärtet die Fronten sind. Die Macher des Films haben ihre Facebook-Seite mittlerweile geschlossen. Sie, die Gelsenkirchener Mitarbeiter und die porträtierten Eltern mussten sich unter anderem Nazi-Vergleiche anhören.

Mir geht es ganz oft so, dass ich das Gefühl habe: Wenn es um Kinder geht, dann gibt es nur ein Richtig oder Falsch. Zum Beispiel beim Thema Fremdbetreuung. Als mein Sohn mit 11 Monaten in die Krippe kam und ich wieder arbeiten ging, musste ich mir von Kolleginnen und Kollegen und von Verwandten anhören, dass sie ihr Kind nicht so früh weggeben könnten. Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Nachbarin, die sich entschieden hat, drei Jahre zuhause zu bleiben. Sie muss sich wiederum dafür rechtfertigen, dass sie nicht früher arbeiten geht – und eklären, warum ihr zuhause nicht sterbenslangweilig ist.

Warum werfen sich Eltern gegenseitig vor, es falsch zu machen?

Oder die Anhänger der Bewegung Kindergartenfrei, die ihre Söhne und Töchter bis zur Grundschule zuhause betreuen und Kindergärten ablehnen. Dürfen sie ja gern tun. Aber warum müssen sie den Menschen, die ihr Kind in die Kita schicken, unterstellen, es falsch zu machen?

Und erst das Thema Grenzen! Wie schnell darf man die denn ziehen ohne den Nachwuchs in seiner wichtigen, kindlichen Entdeckerfreude zu beschränken? Wie viel Freiheit kann man dem Kind zugestehen – und wie viel muss man sich selbst als Eltern nehmen? Während die einen da ein Loblied auf die Disziplin anstimmen, feiern die anderen das selbstbestimmte Kind.

Natürlich ist es gut, dass Erziehungsthemen diskutiert werden. Meine Großeltern haben ihre Kinder in den 50er und 60er Jahren noch mit Idealen aus der Vorkriegszeit erzogen – Ohrfeigen inklusive. Und waren sich dabei ihrer Sache sehr sicher. Die 68er-Bewegung hat das verändert. Sie hat dazu beigetragen, dass es Erwachsenen heute verboten ist, Kinder zu schlagen. Sie hat die strengen Hierarchien in Familien durchbrochen und für mehr Nähe zwischen Eltern und Kindern gesorgt.

Eltern wissen nicht, ob sie der eigenen Intuition noch trauen können

Dafür bin ich dankbar. Aber das Ende der überkommenen Vorstellungen hat auch ein Vakuum hinterlassen, in dem jetzt all die Eltern sitzen, die sich fragen, wie er denn nun geht, der richtige Weg. Und ob man sich denn noch verlassen kann auf die eigene Intuition und was sie einem sagt.

Was mir und den anderen helfen würde, wäre schon mal, die Schwarz-weiß-Debatten sein zu lassen. Das Vakuum als Chance zu begreifen, in dem jede Familie den für sie richtigen Weg findet. Bei Tag und bei Nacht – und auch beim morgendlichen Anziehen.

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Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.