Kolumne Mensch, Mutter Wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen

Von Lisa Welzhofer 

Unsere Kolumnistin ist ohne Kontakt zu ihrem Vater großgeworden. Was das bedeutet hat, versteht sie allerdings erst so richtig, seit sie selbst Mutter ist.

Insgeheim hat sie sich nach der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation gesehnt, die es in den Familien ihrer Freundinnen gab, sagt unsere Kolumnistin. Foto: dpa
Insgeheim hat sie sich nach der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation gesehnt, die es in den Familien ihrer Freundinnen gab, sagt unsere Kolumnistin. Foto: dpa

Stuttgart - Seit ich Kinder habe, bewundere ich meine Mutter noch mehr. Oder vielleicht zum ersten Mal so richtig. Zum Beispiel, weil sie (meistens) so gelassen mir gegenüber war. Auch, weil sie mich immer meinen Weg hat gehen lassen und mir vertraut hat, dass ich es schon richtig machen werde. Vor allem aber, weil sie das alles allein hinbekommen hat, hinbekommen musste. Meine Mutter war alleinerziehend. Zu meinem Vater bestand kein Kontakt.

Aus meiner heutigen, recht komfortablen Paar-Perspektive heraus, kann ich nur erahnen, was das für sie bedeutet haben muss. Es waren die 70er Jahre und es fing schon damit an, dass meine Mutter – ledig und schwanger – in München, wo sie damals lebte, keine Wohnung fand. Also musste sie zurück aufs schwäbische Land zu ihren Eltern ziehen. In eine katholisch geprägte Kleinstadt, die ihr viel zu eng war. Und in der fast alle in ihren vermeintlich heilen Kleinfamilien lebten. Heute sind 20 Prozent der Eltern alleinerziehend. Damals war ich in meiner Grundschulklasse eines von zwei Kindern ohne Vater.

Auch, dass meine Mutter in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten konnte, war nur möglich, weil meine Großmutter auf mich aufgepasst hat. Kinderbetreuung unter drei Jahren, das war in der Provinz damals noch ein Fremdwort.

Wie ein Wort, das auf der Zunge liegt

Manchmal fragen mich Freunde, wie das für mich war, ohne Vater aufzuwachsen. Ob er mir nicht gefehlt hat. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn mein Vater fehlte mir nie bewusst, er war eher wie ein Wort, das einem auf der Zunge liegt, aber partout nicht einfallen will. Vielleicht auch, weil ich sehr eng mit meinen Großeltern aufgewachsen bin und mein Opa ein bisschen wie ein Ersatzvater für mich war. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit mit drei Menschen, die mich liebten.

Trotzdem habe ich mich unbewusst wohl doch nach der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation gesehnt, die in den Familien meiner Freundinnen gelebt wurde, wo ich so wahnsinnig gern zu Besuch war. In meinen Fantasiegeschichten und -spielen war ich oft ein anderes Mädchen, das anders aussah und hieß und in einer anderen, sehr normalen, sehr spießigen Familie lebte.

Der Vater hat die ersten Schritte nicht gesehen

Als Teenager habe ich dann mit cooler Attitüde meinen Exotenstatus kultiviert. Wer sich nicht für mich interessiert, für den interessiere ich mich auch nicht, das war meine Haltung. Und tatsächlich habe ich erst mit 29 Jahren zum ersten Mal den Kontakt zu meinem Vater gesucht.

Was ich, aber auch mein Vater verpasst haben, kann ich allerdings erst so richtig verstehen, seit ich selbst Mutter bin und meinen zwei Kindern beim Großwerden zusehe. Mein Vater hat meine ersten Schritte nicht begleitet, mir nie den Rotz abgewischt, hat keine Sorgen gehabt, wenn ich krank war. Er war nie von verkorksten Nächten erschöpft, aber hat auch nicht das stolze Glücksgefühl gespürt, als ich zum ersten Mal beim Spielen einen Ring auf den dafür vorgesehenen Stab gesteckt habe.

Es fehlt ein Familiengedächtnis, das Stoff liefert für Anekdoten

Ich bin ihm nie auf wackeligen Beinen lachend entgegen gewankt und er hat mich nie ganz fest umarmt, so fest, dass es ein bisschen weh tut. Er und ich, wir werden diese Jahre, in denen die Bindung und das Urvertrauen zwischen Kindern und Eltern entstehen, nie nachholen können.

Trotzdem ist es gut, dass wir heute regelmäßig Kontakt haben. Nicht, um das Verpasste nachzuholen, sondern, um jetzt eine gemeinsame Geschichte zu schreiben, die aus gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnissen besteht. Eine Art Familiengedächtnis, das Stoff liefert für Anekdoten: „Weißt du noch...?“ Eben das, was Familienbande ja auch ausmacht.

Und natürlich war es überhaupt gut, ihn kennenzulernen. Zu entdecken, woher ich komme, wem ich ähnlich sehe. Zu verstehen, dass tatsächlich nicht alles Erziehung ist, sondern dass manche Charaktereigenschaften über die Gene weiter gereicht werden. Die Leerstelle, die es in meiner Kindheit gab und die ich mir erst spät eingestanden habe, sie hat durch ihn endlich ein Gesicht bekommen. Und außerdem hat mir mein Vater versprochen, dass er es mit meinen Kindern, seinen Enkeln, besser machen will.

Wenn Sie mehr über Lisa Welzhofers Familiengeschichte erfahren möchten: Am Freitag, 19. Juli 2019, liest die Journalistin ab 19 Uhr im Muse-O in Stuttgart-Gablenberg in der Reihe „Text und mehr“ aus ihrem Buch „Kibbuzkind – eine deutsch-israelische Familiengeschichte“.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr.

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