Kolumne Noch geht die Welt nicht unter
Die rechten und die linken Propheten haben viel gemeinsam. Beide bedrohen die Freiheit und die Mitte, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Die rechten und die linken Propheten haben viel gemeinsam. Beide bedrohen die Freiheit und die Mitte, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Stuttgart - In seinem Gedicht über ein „Diner zu Coblenz im Jahre 1774“ erleben wir Goethe als „Weltkind in der Mitten“ zwischen den sich eifernd streitenden Freunden an seinem Tisch, dem Philosophen Lavater und dem Pädagogen Basedow. Der Dichter nannte sie „Prophete rechts, Prophete links“, ließ sie reden und wandte sich vollkommen erdgebunden dem Genuss von Lachs und Hähnchen zu. Ganz ähnlich, zwischen Eiferern auf der politischen Rechten und der politischen Linken, muss sich dieser Tage in unserer schönen Republik fühlen, wer die Beine noch auf dem Boden hat und auf den gesunden Menschenverstand setzt. Die Mitte ist in Gefahr, zerquetscht zu werden.
Dem Echo der Medien folgend, sehen, hören und lesen wir fast ausschließlich, was rechte und linke Propheten uns ins Gewissen zu hämmern versuchen. Die Rechten wollen zurück zu nationalen Selbstgewissheiten. Unter ihnen grassiert Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, primitives Nazitum, Geschichtsklitterung, Verachtung gegenüber den demokratischen Institutionen, politische Rüpeleien, Antisemitismus, zuletzt auch Mord, kurzum das schlechthin Böse.
Die Propheten auf der Linken hingegen gelten als das absolut Gute. Sie sind angekommen in der modernen Zeit, machen sich stark für Klimaschutz und für Greta –sogar von der Kanzlerin bewundernd-vertraulich so genannt –, für Schulschwänzen, Seenotrettung, ökologische Landwirtschaft, veganes Essen, nachwachsende Energien, E-Autos in den Städten, Vorrang für Fahrräder, keine nutzlosen Flugfreuden, Enteignungen von Wohnungen, Feminismus, Gendersternchen und Binnen-I. Wer traut sich, da nicht mitmachen zu wollen?
Die veröffentlichte Meinung neigt mit wenigen Ausnahmen dem Guten zu. Sie hat die Moral auf ihrer Seite. Der Mainstream fließt links. Und das hat Gründe in unserer Vergangenheit. Denn natürlich stimmt es jeden Redlichen fassungslos, dass derartige Überzeugungen hierzulande noch eine Chance, sogar Zulauf haben, nach all dem unendlich Schrecklichen, das unter dem Hakenkreuz im deutschen Namen in die Welt kam und in einem totalen Desaster endete. Trotzdem gibt es diese Leute – radikale und weniger radikale –, und alle miteinander gelten sie politisch als leprös. Wer sie anfasst, oder sich wie der völlig unverdächtige Moderator Reinhold Beckmann zum Geburtstag eines alten, nach rechts abgerutschten Kollegen einladen lässt, der gilt als kontaminiert, der muss sich distanzieren.
Wie dieses Beispiel zeigt, sind auch die Guten nicht nur gut, sondern ein bisschen intolerant. Das reicht bis hinauf zu unserer besonders guten Bundeskanzlerin, die ein wunderschönes Gemälde von Emil Nolde aus ihrem Arbeitszimmer verbannt hat, weil der Maler, dessen Kunst nach 1933 als entartet galt, dennoch den Massenmörder Adolf Hitler verehrte. Da musste Angela Merkel handeln, schon wegen der Außenwirkung. Auf die Bayreuther Festspiele mochte sie aber trotzdem nicht verzichten, obwohl Richard Wagner, wie man weiß, ein ganz abscheulicher Antisemit war. Ich weiß nicht, wie sie sich das zurechtgelegt hat. Das verstehe, wer will! Doch warum überhaupt sollen denn die politischen Überzeugungen eines Künstlers sein Werk herabsetzen? Und warum beklatschen die Bayreuth-Besucher die Aufführung von Richard Wagners Opern, buhen aber den genialen Dirigenten Valeri Georgiev aus, weil er ein Fan von Putin ist? Kunst nur noch unter Gesinnungsvorbehalt?
Mir sind solche absurden moralischen Rigorismen verdächtig. Sie deuten auf ein gestörtes Verhältnis zur bürgerlichen Freiheit, sie deuten auf Überzeugungen, die sich verselbstständigt haben und sich für absolut halten, auf Anläufe zum Tugendterror. Die linken und die rechten Propheten haben viel gemeinsam. Sie hocken fest in ihren Milieus und wachsen an den Kämpfen, die sie gegeneinander führen. Dabei huldigen die einen wie die anderen einem gewissen populistischen Alarmismus. Rechts geht die Welt wegen der Flüchtlinge unter, links wegen des Klimas. Und zwar sofort. Hüben wie drüben ist Antisemitismus zu Hause, und dies schon lange. Rechts sowieso, links getarnt als Kritik an Israel und Nothilfe für die Palästinenser. Die Missachtung von Institutionen gehört nicht nur rechts dazu, sie ist auch links lebendig – etwa wenn die etablierten Parteien die Geschäftsordnung des Bundestages ändern, damit kein AfD-Mann Alterspräsident wird, was wir doch locker weggesteckt hätten. Ich sehe öffentliche Gewalt rechts, etwa in Sachsen, und links, beim G-20-Gipfel in Hamburg.
Nur die Mitte, die sehe ich fast nicht mehr.
Doch es gibt sie in der Gesellschaft, vielleicht als so etwas wie eine schweigende Minderheit. Man liest fast nichts über sie, man hört sie nicht, sieht sie nicht. Wer dazugehört, hält sich zurück, fürchtet, grundlos auf der Rechten einsortiert zu werden, ist aber sozial, liberal, klimafreundlich, ein Weltkind und heimatverliebt, denkt Politik als die Kunst des Möglichen, weiß, dass Veränderungen Zeit brauchen, hält das Grundgesetz für ein Geschenk des Himmels und würde sich jederzeit mit dem größten Vergnügen einen Nolde an die Wand im Wohnzimmer hängen.