Kolumne Oskar Beck Philosophen am Ball
Sind die Fußball genialere Denker als Hegel oder Sartre – oder nur hungrig auf ein gutes Omelett?
Sind die Fußball genialere Denker als Hegel oder Sartre – oder nur hungrig auf ein gutes Omelett?
Stuttgart - Unser unvergessener Vorzeigeschwabe Albert Einstein war das, was die Engländer „the brightest bulb in the chandelier“ nennen, also die hellste Kerze im Leuchter. Eines Tages suchte der gescheiteste Mensch der Welt einen Assistenten, und seine Gespräche mit den Bewerbern verliefen folgendermaßen.
„Wie hoch ist Ihr IQ?“, fragte er den Ersten. „175“, verriet der Kandidat. „Prächtig“, staunte Einstein, „dann könnten wir ja zusammen philosophieren.“
„Wie ist Ihr IQ?“, prüfte er nun den Nächsten. „120“, antwortete der, und Einstein war abermals tief beeindruckt: „Dann könnten wir zusammen ins Theater.“
„Haben auch Sie einen IQ?“, wandte der Meister sich schließlich dem Dritten und Letzten zu. „75“, sagte der, worauf Einstein ihm antwortete: „Machts nichts, dann könnten wir ja zusammen Fußball schauen.“
Selbst wenn die Geschichte nicht ganz wahr sein sollte, ist sie zumindest sehr gut erfunden. Jedenfalls entstand ungefähr zu der Zeit der grässliche Verdacht, dass die Fußballer das Denken besser den Philosophen überlassen sollten. Und es sprach eine Zeit lang vieles dafür, weil beispielsweise Jean-Paul Sartre so grandiose Dinge sagte wie: „Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners“. Die Anwesenheit der Philosophen erwies sich aber bald als das größere Problem, und zwar spätestens, als sich Sartre im Labyrinth seiner Geistesblitze in die Erkenntnis verdribbelte: „Ein guter Torwart zeichnet sich in erster Linie durch Überschreitung seiner Machtbefugnisse aus.“ Was er uns damit sagen wollte? Keiner weiß es.
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Deshalb philosophieren die Fußballer seither lieber selbst. Spontan denkt man angesichts der derzeitigen Länderspiele an Bundestrainer Jogi Löw, der als höchste Instanz im Lande einmal das perspektivische Machtwort in eine Kamera sprach: „Die Philosophie des offensiven Spiels, also Tore zu erzielen, nach vorne zu spielen, bleibt unverändert.“ Der „Spiegel“ war in seiner Online-Ausgabe vor Begeisterung zeitweise sprachlos und schwärmte: „Der erste Bundestrainer-Philosoph.“
Aber auch andere verstecken sich nicht. Als neulich kurz Lionel Messi auf dem Markt war, rechtfertigte Vorstandsboss Kalle Rummenigge das Desinteresse des FC Bayern so: „Ein Spieler dieser Größenordnung ist nicht Teil unserer Philosophie.“ Der praktische Philosoph, der die Weisheit an einem Beispiel lehrt, ist der wahre Philosoph.
Auch Jose Mourinho, der momentan die Tottenham Hotspurs trainiert, gehört dazu. Als ihn einmal jemand fragte, ob er sich trotz seiner wachsenden Titellosigkeit immer noch für den größten Trainer der Welt halte, schlug der Portugiese zurück: „Hatten Sie einmal Zeit, Philosophen zu lesen, zum Beispiel Hegel?” Als der Reporter verneinte, verwies Mourinho auf sein Lebenswerk und rief dazu unseren hinter Einstein zweitgrößten schwäbischen Denker als Zeugen auf: „Hegel sagt: Das Wahre ist das Ganze.“
Philosophie ist die Suche nach Antworten auf alle grundlegenden Fragen der Welt und des Fußballs. Also doziert heutzutage jeder anspruchsvolle Trainer: „Wir müssen überall auf dem Platz Überzahl schaffen, das ist meine Philosophie.“ Ohne Philosophie wird ein Spiel gar nicht mehr angepfiffen, und alle Welt hängt an den Lippen der Koryphäen. Sogar Torjäger ohne Schulabschluss legen im intellektuellem Vorwärtsdrang ihre zerfurchte Denkerstirn in Falten und schleudern den schwerwiegenden Satz in die Mikrofone: „Wir haben die Philosophie des Trainers perfekt umgesetzt.“
Unvermeidlich wurde die Fußballphilosophie so irgendwann zum i-Tüpfelchen aller Philosophien, da konnten die Naturphilosophie, die Geschichtsphilosophie, die Sprachphilosophie und die Kulturphilosophie einpacken. Auch in der Trainerausbildung werden nicht die alten Säcke Konfuzius, Nietzsche oder Kant, sondern die modernen Philosophen gelehrt, von Herberger („Das nächste Spiel ist immer das schwerste“) über Beckenbauer („Schau’n mer mal“) bis hin zur tiefschürfendsten aller Philosophien: „Ein rollender Ball setzt kein Moos an.“ Dieses Streben des menschlichen Geistes, die Zusammenhänge des Seins zu erkennen, hat den großen Italiener Giovanni Trapattoni (vermutlich in seiner Zeit beim VfB) dann irgendwann vollends zu dem Satz veranlasst: „Fußball ist ding, dang, dong.“
Endlich sagt es mal einer, hieß es.
Aber es war dann doch des Guten zu viel. So weit führt es, wenn die Luft im Ball zu sprechen anfängt, verzweifeln die herkömmlichen Philosophen und ledern gegen die Hochstapler jetzt langsam, aber sicher zurück. Die Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“ beispielsweise hat, womit wir nochmals auf Jogi Löw kommen, zum Bundestrainer die aufmüpfige Frage gestellt: „Wie kann man sich nur vor Fernsehkameras an den Eiern kraulen und dann auch noch an der eigenen Hand schnüffeln?“ Die Überschrift des Pamphlets hieß: „Die Philosophie des Eierkraulens.“
Aber vor allem Mourinho bekommt sein Fett weg, seit er küchenphilosophisch beschrieben hat, dass das Entwickeln eines Fußballtalents vergleichbar ist mit dem Zubereiten eines guten Omeletts. „Alles hängt von der Qualität der Eier im Supermarkt ab“, sagte Mourinho, „ohne erstklassige Eier hast du ein Problem.“ Worauf eine kritische Lästergosche prompt öffentlich fragte: „Ist Jose ein philosophisches Genie – oder nur hungrig auf ein Omelett?“
Die Philosophen haben das Gesabber satt. Sie erinnern die Fußballer jetzt immer öfter an den Wandspruch: Der Mensch sollte das Denken den Pferden überlassen, sie haben den größeren Kopf.