Kolumne Pippi Langstrumpf und die alten weißen Männer

Helmut Kohl und Helmut Schmidt waren noch Politiker mit Kontur. Foto: dpa

Die Politik gibt sich lau. Aber in der Gesellschaft tobt ein Kampf zwischen Gut und Böse und zwischen den Generationen, meint unsere Kolumnistin.

Stuttgart - O weh und ach, unsere liebe, gute, alte bundesrepublikanische Politik ist tot. Mausetot. Gemeuchelt vom Zeitgeist und vom Merkelismus. Gut siebzig Jahre lang bescherte sie uns, immer steigend, Wohlstand, Frieden und Sicherheit. Es gab Parteien, die sich voneinander abhoben, es regierten Kanzler, die sich als Konservative bewährten, und andere, die sich eher den Schwächeren verpflichtet fühlten. Die einen schauten auf Amerika, die anderen suchten den Ausgleich mit dem Osten. Jetzt aber sind alle gleich. Die Schwarzen kleiden sich grün, die Grünen glänzen auch schwarz, das liberale Gelb ist völlig verblasst, die Roten versuchen krampfhaft, sich rötlicher anzustreichen. Die Dunkelroten verschwinden hinter der Sehnsucht nach vermeintlich herrlichen Vergangenheiten. In Thüringen reichen ihnen die Schwarzen trotzdem die Hand zum Bunde. Eintopf steht auf der Speisekarte der deutschen Politik. Warmes Wasser mit Haaren. Da nimmt es nicht wunder, dass manche in ihrer Verzweiflung nach der ranzigen braunen Wurst am rechten Rand des Tellers greifen.

 

Doch halt, Gegensätze gibt es schon.

Orgiastische Formen im Internet

Streit, Hass, Beleidigung, Mord und Totschlag. Wieder, wie schon oft in der Geschichte, ist der Kampf zwischen Gut und Böse entbrannt: im Internet, wo er geradezu orgiastische Formen annimmt; an den Universitäten, wo Eiferer der Political Correctness Redeverbote erzwingen; im Rundfunk, wo Kinder mit Begeisterung die Großmutter zur alten Umweltsau herabwürdigen; im öffentlichen Diskurs, wo Wissenschaftler plötzlich ausgestoßen werden, weil ihre Meinung vom Mainstream abweicht; im privaten Kreis, wo einem unverhofft ein Zeigefinger ins Gesicht fahren kann, begleitet von scharf-bösen Blicken, verbunden mit der Klima-Frage: Und was tust du?

In früheren Zeiten galt es da zu beten, Buße zu tun, ins Kloster zu gehen, am Pranger zu leiden, sich vierteilen, rädern oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Das ist heute gar nicht so viel anders. Nur das Beten fällt weg. Doch am Pranger finden sich inzwischen viele wieder: die alten weißen Männer, sprich Sexualverbrecher und Potentaten, dazu die umweltsäuischen alten weißen Frauen, ebenso Autofahrer, Flugreisende, Unternehmer, das Kapital schlechthin und Leute, welche das Thema der Migration kritisch aufbringen. Das sind die Sünder. Sie stehen im Dunkeln. Auf der anderen Seite, im Licht, sehen wir die Rechtschaffenen, Zukunftsbewussten, Verantwortungsvollen und Menschenretter. Wir staunen über Jugendliche, die keinen Führerschein mehr machen wollen, die lieber chillen, als sich irgendeinem umweltschädlichen Leistungsstress zu ergeben, die sich nur mit dem Radl oder der Eisenbahn fortbewegen, die kein Fleisch mehr essen und Hafermilch statt Kuhmilch trinken. Entweder-oder heißt das Panier. Der Kampf wird mit bösen Worten, bisweilen auch mit dem Schießeisen ausgetragen. Horrido.

Aktivisten ersetzen Politiker

Wo früher die Parteien und ihre herausragenden Politiker im Auftrag und stellvertretend für die Gesellschaft stritten, die Konflikte aushandelten und Entscheidungen fällten, da besorgen das heute die Aktivsten der viel zitierten Zivilgesellschaft höchstselbst. Die Politik rennt diesem Getöse hinterher – rastet auf der unsäglichen Rechten aus, tätlich und verbal. Links biedert sie sich an, macht sich billig und übernimmt Forderungen, die angeblich die Zukunft retten, vor allem aber mitten in der Industriegesellschaft und auf ihren bequemen Polstern die Askese und das Idyllische verklären.

Inzwischen schmeißt sich auch die Wirtschaft ran. In Wort und Tat. Der Siemens-Chef sinkt hin, lädt die 23-jährige Klimaaktivistin Luisa Neubauer zum Gespräch, bietet der in diesem Fach Ahnungslosen sogar einen Aufsichtsratsposten an und wird am Ende schnöde abgewiesen. Peinlich, peinlich.

Dabei ist es ja richtig nett, dass die alten weißen Männer mit den jungen Frauen reden; es ist nett, dass die heilige Greta aufs Neue in Davos den dort versammelten Mächtigen ein paar Grobheiten ins Gesicht schleudern darf. Aber es ist auch schwer zu verstehen, weil ziemlich masochistisch, wenn sich gestandene Männer und Frauen, unter denen die meisten das Klimathema nicht auf die leichte Schulter nehmen, von Pippi Langstrumpf die Leviten lesen und gar bedrohen lassen.

Es sei denn, man glaubt an die göttlichen Eingebungen eines Teenagers. Wer das nicht glaubt, der kann inmitten dieser ganzen Aufregung wahrnehmen, wie sehr die bösen, alten weißen Männer in jeder Hinsicht – auch klimatechnisch – das Wohl ihrer Nachfahren im Visier haben. Helfend, beratend, zahlend. Vor allem Letzteres ist unter Trickbetrügern gut bekannt. Und was für die Großväter gilt, trifft noch viel mehr für die angeblich so schlimmen Omas zu. Sie würden, um der Zukunft willen, das Motorrad im Hühnerstall und das Auto in der Garage stehen lassen, sie würden auf Rostbraten mit Zwiebeln und die Schlagsahne am Apfelkuchen verzichten, sie würden die Kreuzfahrt auf der Aida streichen und mit ihren heiß geliebten Enkeln nach Bullerbü ziehen.

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