Kolumne Reiner Ruf Banger Blick auf das Jahr 2023

Der Potsdamer Platz vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Berlin war damals eine Weltmetropole – und das Revier des Malers George Grosz. Foto: Bundesarchiv/o.Ang.

Die Geschichte ist ein Spiegel, in den wir fragend schauen, ob wir uns wiedererkennen. Zumal in dieser wirren Zeit, in der Gewissheiten zerrinnen. Das neue Jahr bietet reichlich Anlass, den Spielel zu zücken. Beruhigend ist das nicht.

Es ist immer wieder schön, in die Stuttgarter Staatsgalerie zu gehen und einzutauchen in andere Welten. Dort entkommt man dem Rummel der Zeit. Wie angenehm die Stille doch ist nach dem Getöse auf der schrecklichen Konrad-Adenauer-Straße, dieser dröhnenden Rampe, die voll ist mit automobilen Götzen. Andererseits: Wo ließen sich die Todeszuckungen der klassischen Moderne trefflicher beobachten als auf dieser Straße?

 

Drinnen in der Staatsgalerie ist das Werk eines Mannes zu sehen, der mit seinen Zeichnungen und Bildern die Jugend der klassischen Moderne erlebte, begleitete – und einer ätzenden Kritik unterzog: George Grosz: Grafiker und Maler, Ankläger des Militarismus und des Kapitalismus, Chronist der Metropole Berlin. „Ich war ein Esel unter Eseln, aber sehr heiter, wenn ich jetzt darüber nachdenke.“ So schrieb er in seiner Autobiografie „Ein kleines Ja und ein großes Nein“. Bei der Führung im Kunstmuseum taucht immer wieder das Wort „Tumult“ auf. Schauen wir nochmals in die Aufzeichnungen des Malers: „Draußen marschierte eine Gruppe weißbehemdeter Männer, die sangen in einem fort: ‚Deutschland erwache! Juda verrecke!‘ Dahinter kam eine andere Gruppe, auch militärisch zu vieren marschierend, die schrie rhythmisch im Chor: ‚Heil Moskau! Heil Moskau!‘ Nachher lagen dann welche herum mit eingehauenen Köpfen, zertrümmerten Schienbeinen und gelegentlichen Bauchschüssen…“

550 Kaffeehäuser in Berlin

Grosz habe die „tumultarische“ Großstadt in Szene gesetzt, sagt die Kunsthistorikerin. Und so stellte sich, von Bild zu Bild und von Grafik zu Grafik, eine Beklemmung ein. Warum? Weil wir beim Blick auf jene Zeit die Gegenwart erkennen können. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, das ist trivial. Und doch liegt die Frage nahe, was aus diesen Menschen geworden ist, die in den 550 Kaffeehäusern saßen, die in den 1920er-Jahren in Berlin zum Verweilen einluden. Was widerfuhr den Atemlosen auf der Friedrichstraße, die zum Bahnhof hasteten oder über die Spreebrücke hinein in die dunklen Straßenschluchten? Nur gut, dass sie nicht wussten, was auf sie noch zukommen würde.

Was kommt? Diese Frage stellen sich die Menschen, seit sie auf diesem Planeten wandeln, jene Kugel, die Schopenhauer so beschrieb: „Inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen“, auf der „ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt“ hat.

Ein Ei für 320 Milliarden Mark

Was kommt? Das fragen auch wir uns, die wir ein Jahr erlebten, in dem der Krieg nach Europa zurückkehrte. Überdies schleicht sich ein neues Jahr heran, das uns beunruhigt mit zahlreichen Jubiläen, die manchen aktuellen Bezug aufweisen. Da ist die Hyperinflation des Jahres 1923. Deren Ursache war die auf Krediten und Anleihen beruhenden Finanzierung des Ersten Weltkriegs. Der Ruhrkampf nach dem französischen Einmarsch eskalierte die Lage. Ich weiß noch, wie ich als Kind die Geldscheine besah, die meine Großmutter aus jener Zeit aufbewahrt hatte: eine Million Mark auf einem Schein. Wow! Anfang Dezember 1923 kostete in Berlin ein Ei 320 Milliarden Mark. Ein Funktionär des Metallarbeiterverbands notierte damals warnend: „Der Staat, der nicht mehr in der Lage ist, den völligen Währungszerfall aufzuhalten und sich in dieser Beziehung Bankrott erklärt … muss restlos alle Autorität und letzten Endes seine Existenzberechtigung verlieren.“ Die Inflation setzte die Mittelschicht unter Schock. Alle Ersparnisse waren verloren. Reiche Menschen indes besaßen schon damals mehr Möglichkeiten, ihr Vermögen abzusichern. Die Folge: Die erste deutsche Republik verlor alles Vertrauen.

Dann geht doch nach Moskau oder gleich nach Wladiwostok

1923 war auch das Jahr der Reichsexekution gegen Sachsen und Thüringen, wo sich eine linke Volksfront bildete. Heute kriecht dort die AfD aus dem völkischen Sumpf. Die AfDler quaken „Putin“, „Putin“. Es herrscht eine große Verirrung. Die alte Bundesrepublik sagte zu ihren linken Kritikern: „Dann geht doch nach drüben, wenn es euch hier nicht passt.“ Drüben, das war die DDR. Also, liebe AfDler: Dann geht doch nach Moskau. Oder besser gleich nach Wladiwostok.

Ach ja, und dann ist da noch der 9. November 1923. Adolf Hitler wagte in München, der Hauptstadt der „Ordnungszelle“ Bayern, den Putsch. Das Unterfangen endete erbärmlich, zehn Jahre später war er am Ziel.

George Grosz machte sich gerade noch rechtzeitig aus dem Staub. Am 12. Januar 1933 bestieg er mit seiner Frau Eva in Bremerhaven das Schiff nach New York. Der Dampfer der Norddeutschen Lloyd trug übrigens den Namen „Stuttgart“. 1943 sank er – als Lazarettschiff der Marine nach einem Fliegerangriff in Norwegen.

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