Journalisten beteiligt am AfD-Aufstieg
Weil wir Journalisten gelesen, gesehen, gehört werden wollen, sind auch wir, mit unserer Gier nach dem Aufreger, dem Besonderen, nicht ganz unbeteiligt am Aufstieg der AfD. Bisweilen könnte man denken, es gibt kein anderes Thema. Also ist die AfD täglich in allen Medien. Der geschichtsvergessene Herr Gauland sitzt in hundert Talkshows. Wenn Alice Weidel mit dem Fuß aufstampft, wird die Szene wieder und wieder gesendet. Und das fast hysterische Ausgrenzen einer Partei in allen Berichten und Kommentaren führt auch nicht unbedingt zum Umdenken der Leser, sondern macht den Laden erst interessant. Manchmal wäre weniger mehr.
Doch den weitaus größten Anteil daran, dass diese Partei nun in allen Landtagen sitzt und die stärkste Oppositionsfraktion im Bundestag bildet, haben die Politik von Angela Merkel und alle, die sie getragen haben. Die AfD ist nicht vom Himmel gefallen. Ihr Aufschwung nährt sich auch nicht, wie so oft behauptet wird, ausschließlich aus dem braunen Sumpf der Vergangenheit, der niemals ausgetrocknet sei. Wäre es so, dann würde sie die 10-Prozent-Marke, welche die Rechtsradikalen in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder mal erreicht haben, nicht wesentlich überschreiten. In Thüringen kam sie 2014 auf 10,6. Im Oktober 2019 waren es dann 23,4 Prozent. So viele aus dem Nichts wiedererwachte alte Nazis?
Mehre Rechte auf dem Land
Nein und noch mal nein. Denn zwischen den beiden Werten – in Sachsen gibt es eine Spanne von 9,7 bis 27, 5 Prozent – ereignete sich, was wir im Nachhinein die Flüchtlingskrise nennen. Das mag man schändlich nennen, mag Deutsche als fremdenfeindlich – also doch Nazis! – ansehen. Und die Ängste, die damit verbunden waren und sind, mögen ebenfalls völlig irreal sein. Dennoch gibt es sie, auf dem Land mehr als in den weltoffenen Städten, im Osten mehr als im Westen. Wer davon geplagt wird, weiß heutzutage nicht, was er wählen soll. „Wir schaffen das“, hatte die Kanzlerin gesagt. Basta. Da fassten sich viele an den Kopf.
Die Christdemokraten aber waren außerstande, solche Stimmungen aufzufangen und entsprechend zu handeln. Stattdessen verhakelte sich die CDU mit Ihrer Schwesterpartei, der CSU. Die SPD umging das Migrationsthema weiträumig, versteifte sich sogar noch darauf, den Familiennachzug einzufordern. Beide Volksparteien übersahen, dass sie sich kaum noch voneinander unterschieden und sich ein paar Leute in diesem Land nicht mehr verstanden fühlten und fühlen. Die wählen nun die AfD – dem schaurigen Führungspersonal und etlichen Entgleisungen zum Trotz.
AfD zeigt den Rückweg
Die AfD bietet sich als Heimat an, die verloren zu gehen droht. Aber natürlich zeigt sie keinen Ausweg auf, sondern einen Rückweg, einen Irrweg. Stünde ein neuer Konrad Adenauer an der Spitze der CDU, ein überzeugender Konservativer, er würde seine Wähler zurückholen. Auch einer wie Helmut Kohl hätte den Instinkt und die Kraft, die Abwanderung aufzuhalten. Aber Angela Merkel, die das alles so gut gemeint angerichtet und ihre Partei zudem ideologisch zu weit nach links gerückt hat, reist durch Afrika, setzt sich, von Urwaldgrün umgeben, neben dem angolanischen Präsidenten auf einen ehrwürdig-gepolsterten Lederstuhl – sie will ja nicht zittern.
„Wir schaffen das“
Dem Potentaten verspricht sie schnell ein paar Wohltaten, die erfahrungsgemäß nicht viel helfen. Zu Hause aber brennt die Hütte. Und weil die Flammen schon hochschlagen, schickt sie den Weckruf aus dem südlichen Afrika, es müsse in Thüringen alles rückgängig gemacht werden. Doch das beklagte Unheil hat sich über demokratische Verfahren in die kleine thüringische Zwei-Millionen-Einwohner-Welt geschlichen.
So einfach ist es also nicht mit dem geliebten „Wir schaffen das“. Die CDU sitzt in der Klemme zwischen ihrem kategorischen Nein zu Ramelow und den lokalen Versuchungen von rechts. Dieser Zerreißprobe war AKK, die kleine Saarländerin – auch sie ein Merkel’sches Kind – nicht gewachsen. Sie geht. Ihr Sturz setzt nun auch Muttis Traum vom undramatischen Ausklingen ihrer Regentschaft ein normal-dramatisches Ende.