Kolumne: „Tatort“ baut Weinsteige nach In Stuttgart ist sogar der Stau am schönsten

Von Uwe Bogen 

Aus Stuttgart ist Staugart und Staubgart geworden. Stillstand und Schmutz beschädigen das Image der Stadt. Der „Tatort“ macht einen Krimi daraus. In Freiburg ließ der SWR die Neue Weinsteige nachbauen – den schönsten Stau der Welt.

Für den „Tatort“ hat der SWR in einer Freiburger Messehalle die Neue Weinsteige  nachgebaut. Foto: Kluge/SWR 6 Bilder
Für den „Tatort“ hat der SWR in einer Freiburger Messehalle die Neue Weinsteige nachgebaut. Foto: Kluge/SWR

Stuttgart - Wird sich OB Fritz Kuhn nach dem nächsten Stuttgart-„Tatort“ erneut zu Wort melden? Als sich vor anderthalb Jahren der Sonntagskrimi mit S 21 befasste, ließ der Grüne pikiert eine Pressemitteilung verschicken, die ihm viel Spott brachte. In Sorge um das Image seiner Stadt erklärte er, in Stuttgart würden keineswegs „finanzstarke und korrupte Investoren“ den Immobilienmarkt bestimmen. Wer kommt auch auf so etwas?

Jetzt haben sich die Drehbuchautoren eine Krankheit der Autostadt vorgeknöpft, die erneut keine gute Werbung für Stuttgart ist. Bringen sie Kuhn wieder zum Toben?

88 Minuten der 90-minütigen „Tatort“-Folge „Stillstand“ spielen im Stau (gesendet wird im Herbst). Nichts geht mehr. Alle wollen nach Hause. Doch im Berufsverkehr hängen die Autos auf der Neuen Weinsteige fest. Werden deshalb Mordgelüste geweckt? Richy Müller und Felix Klare suchen einen Mörder, von dem sie nur wissen, dass er Teil des ruhenden Stadtverkehrs ist.

Premiere am 2. Juni auf dem Schlossplatz fast ausverkauft

Zwölf Tage lang hat die Filmcrew unter dem Dach der Freiburger Messehalle für einen der teuersten Stuttgart-Krimis gedreht, der beim SWR-Festival am 2. Juni auf dem Schlossplatz (es gibt nur noch wenige Stehplatzkarten) Premiere feiern wird. In der badischen Fahrradstadt ist die Neue Weinsteige mit Styropor, Sperrholz und einem Stau aus 30 Autos mit Stuttgarter Kennzeichen sehr aufwendig nachgebaut worden. Der Sender hätte die Originalstraße nicht tagelang sperren können. Am Set bildet eine blaue Wand die Kulisse hinter der gefakten Weinsteige, auf die später das nächtliche Panorama des Stadtkessels samt Hügeln projiziert wird.

Typisch Stuttgart! Sogar der Stau ist hier am schönsten. Trotz der Traumaussicht sind Staugefangene aber immer gereizt. Stuttgart ist eine Weltstadt eben. Selbst in Paris, Rom oder Los Angeles kommt man im Auto nicht stockender voran. Laut Navihersteller Tom Tom gehen den Stuttgartern im Jahr 89 Stunden ihrer Lebenszeit verloren. Solange hängen wir im Stau fest. Liegt’s am Dauer-Stillstand, dass hier auch politisch wenig vorangeht? In Wahrheit härtet die Geduldsprobe ab, dieses ständige Stop and go. Man sollte das Beste daraus machen. In Degerloch könnte man ein Schild auf der vierspurigen Hauptverkehrsachse aufstellen, auf dem steht: „Willkommen im schönsten Stau der Welt! Oder wollen Sie doch lieber einen Park-and-Ride-Platz nehmen?“

Wer ist schuld am ewigen Stau? Die Grünen? Die CDU? Schuld sind alle, die im Stau stecken. Schon die Fantas haben gesungen: „Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau.“

Vielversprechender Neuanfang im Ochsen in Neuhausen

Als vor über zehn Jahren der frühere Saturn-Geschäftsführer Michael Stiefel und seine Frau Hülya Stiefel zum ersten Mal aus ihrer Heimat Bayern nach Stuttgart fuhren, ging’s auf der Neuen Weinsteige staufrei so schnell voran, dass die Radarfalle zuschlagen konnte. Unten in der City fehlte ihnen das Kleingeld für den Parkautomaten. Was hatten sie über schwäbischen Geiz gehört! Doch jetzt kam eine Passantin und schenkte den Stiefels die fehlenden Cent-Münze.

Seitdem sind die beiden begeistert von Stuttgart. Sie blieben auch hier, als der Familienvater im Königsbau aufgehört hat. Hülya Stiefel hat nun mit zwei Geschäftspartnern die Traditionsgaststätte Ochsen in einem ortsbildprägenden, über 300 Jahre alten Fachwerkhaus in Neuhausen übernommen. Zum Ochsen gehört der schönste Festsaal der Filder, der mit seinen Jugendstil-Malereien aus dem Jahr 1903 ein Schmuckstück ist. Die bisherige Pächterfamilie Rörich, bekannt auch als Kickers-Wirte, will sich auf das Jägerhaus in Esslingen konzentrieren. Die neuen, mit internationaler Küche ambitionierten Betreiber feiern am 10. Februar Eröffnung in dem wunderschönen Saal, der einst die Ortsbibliothek war. Als Gäste werden Fernsehkoch Frank Rosin, SWR-3-Moderator Ben Streubel, Musicalstar Kevin Tarte , Heiko Volz und Volker Lang alias Äffle & Pferdle, Musiker Berti Kiolbassa und viele andere erwartet.

Neuhausen ist kulinarisch wieder eine Reise wert – nicht nur, um vom Weinsteigen-Stau fortzufahren. In Stuttgart mag Stillstand herrschen – nicht aber im Ochsen.

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