Kolumne über veganes Grillen Schmecken Burger mit gutem Gewissen besser?

Von Uwe Bogen 

Fake-Hackfleisch ist im Trend. Zeigt sich beim Essen, wie gut der Mensch ist? Der vegane Beyond Burger aus den USA hat einen regelrechten Hype in Deutschland ausgelöst. Was sagt Sebastian Copien, ein Star der veganen Kochszene, dazu?

Sebastian Copien beim Zubereiten eines veganen Menüs im Cannstatter Kursaal. Foto: Andreas Engelhard
Sebastian Copien beim Zubereiten eines veganen Menüs im Cannstatter Kursaal. Foto: Andreas Engelhard
Uwe Bogen

Stuttgart - Preisfrage! Es ist rund, roter Saft tropft raus, man isst das Ding am liebsten zwischen Brötchenhälften – was ist das? Genau, ein Burger! Die Grillsaison 2019 könnte als Sommer in die Geschichte eingehen, in dem Fleischfreaks mit Fake-Steaks hinters Licht geführt worden sind. Immer öfter ist, was wie Fleisch aussieht, Gemüse mit Raucharoma. Das „Blut“ ist rote Beete.

„Fleisch ist mein Gemüse“, heißt Heinz Strunks Bestseller von 2004. Einst wollten viele feindliches Gemüse überspringen – sie waren scharf auf tierische Proteine und dachten, das ist Lebenskraft Stück um Stück. In Zeiten des Klimanotstands und des Tierleids dreht sich die Sache vielerorts. Zunehmend wird nun Gemüse zum Fleisch. Schmecken Burger mit gutem Gewissen sogar besser?

„Fleischliebhaber hatten beim Verzehr ein Lächeln im Gesicht“

Ein regelrechter Hype ist entstanden, weil in wenigen Tagen der Beyond-Burger aus den USA in die Kühlregale eines deutschen Discounters kommt. Das Unternehmen mit Sitz im sonnigen Kalifornien ist mit der Marke Beyond Meat (jenseits von Fleisch) durch die Börsendecke gegangen. Leonardo DiCaprio und Bill Gates gehören zu den finanzstarken Fans, die in vegane Klopse investieren. Seit November gibt’s den Bratling, dessen Basis Erbsen sind, im Großmarkt Metro in Deutschland. Nächste Woche steigen die Amerikaner ins Massengeschäft bei Lidl ein. Knapp fünf Euro soll die Zweierpackung kosten. Die Pattys sind mit fasriger Erscheinung optisch nah am Fleischburger – wie dies gerade Trend ist.

Bei McDonald’s gibt’s seit drei Wochen den Big Vegan TS aus Soja- und Weizenbestand. Doch warum sollte es Veganer in einen Fast-Food-Laden ziehen, in dem der Geruch von totem Tier in der Luft hängt? Sebastian Copien, ein Star der veganen Küche, war dort. „Der Vegan TS ist lieblos gemacht“, lautet das Urteil des Kochs, der im Januar bei der Benefizgala für den Verein Stuttgart helps im Cannstatter Kursaal ein komplett veganes Vier-Gang-Menü für 280 Gäste kreiert hat. Der frühere VfB-Torwart Timo Hildebrand und sein Kumpel Serkan Eren hatten dazu eingeladen. Auch Copien ist ein Fan des rauchigen Beyond-Burgers, der gar nicht wie Gemüse schmecken soll. „Erinnert extrem ans Original“, sagt der Chef einer Münchner Kochschule, „alle Fleischliebhaber, denen ich ihn serviert habe, hatten beim Verzehr ein Lächeln im Gesicht.“

„Viele Veganer vermissen den deftigen Geschmack“

Über Tierelend in der Massenzucht, über Fleisch als Klimakiller will der 36-Jährige nicht rumlamentieren. Sein Ansatz lautet: gute Stimmung, gute Laune! „Mein Essen muss extrem lecker sein und dem Körper guttun“, sagt Copien, „so dass die Frage nicht aufkommt, ob es vegan ist oder nicht.“ Veganes sollte sich nicht als Verzicht anfühlen, „sondern nach Fülle, Geschmack, Freude“.

Warum soll ein Mensch, der aus guten Gründen für sich entschieden hat, Weichteile wechselwarmer Tiere vom Speiseplan zu streichen, „falsches Fleisch“ grillen? Sebastian Copien sieht dies so: „Viele Veganer vermissen den deftigen Geschmack, weil dieser seit ihrer Kindheit mit Emotionen verbunden ist – durch Festtage, Feiern und Erlebnisse. Vielleicht ist der Geschmack, den wir mit der Fleischküche assoziieren, oftmals und zum größten Teil eine Kombination aus Kochtechnik und Gewürzen. Ein Geschmack, an den man sich sein Leben lang gewöhnt hat.“

Schmecken müssen die Klopse aber auch!

Der neue Mercedes-Chef Ola Källenius hat angekündigt, dass die Neuwagen mit Stern in etwa 20 Jahren CO2-neutral werden sollen. Wie lange dauert es, bis wir schadstofffrei essen? War’s nicht ein Inbegriff von Männlichkeit, wenn Kerle dicke Fleischbollen auf den Grill warfen? Nimmt man mit dem Fleisch auch unsere Männlichkeit? Wenigstens wissen immer mehr Alte von ihren Future-Kids, dass Umsteuern überlebensnotwendig ist.

Aber zurück zur Preisfrage. Die Frage des Kolumnen­anfangs, welche Art von Bratlingen wie Fleisch brutzeln, ist gar nicht so schwer. Für die richtige Antwort winkt als Preis, dass die Welt womöglich ein klein bisschen besser wird. Und Köche wie Sebastian Copien führen vor, dass der Verzicht auf Fleisch ein Gewinn sein kann.

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