Kolumne von Anna Katharina Hahn Gefährliche Selbstzensur

Was kann man schreiben – und was nicht? Foto: dpa/Finn Winkler

Eine in Stuttgart lebende Kenianerin habe ich nie zu einer Figur gemacht, ebenso wenig wie eine muslimische Albanerin, obwohl sie zu jener Gegenwart gehören, die ich beschreibe. Es gab Entwürfe, dann die Zweifel: Das darfst du nicht, es wird in jedem Fall verkehrt, verletzend, rassistisch sein. Schließlich die Entscheidung dagegen.

Ich möchte es nur einmal sein, um zu erfahren, wie sich das anfühlt.“ Dies sagte mir eine aus Kenia stammende Bekannte vor Jahren und meinte damit das Weißsein, die Hautfarbe, die nicht die ihre ist, und das damit verbundene Privileg, hier nicht sofort aufzufallen, herauszustechen, Freiwild für Rassismus zu sein, auf den ersten Blick gebrandmarkt zu werden. Unser Gespräch über Hautfarben war ernst, aber unbefangen, von beiden Seiten her. Wir kannten uns aus der Kita, tauschten Kochrezepte aus, jede erzählte der anderen von ihrem Leben, es gab von Anfang an Sympathie und Nähe. Wir waren zwei gut ausgebildete Frauen mit kleinen Kindern. Damit endeten die Gemeinsamkeiten. Unser Erfahrungshorizont unterschied sich enorm.

 

Ich staunte, was sie erlebt hatte, Studienjahre in den USA, die Auswanderung nach Deutschland, ich bewunderte ihren Mut und ihren Humor, und ich fragte viel. Heute hätte ich bei solchen Gesprächen größere Hemmungen, würde mir jedes Wort überlegen, möglicherweise gar nichts fragen, den Kontakt vielleicht sogar auf Small Talk beschränken. Zu groß ist die Angst geworden, etwas verkehrt zu machen, die andere Person unbewusst zu verletzen, allein durch mein Weißsein.

Schere im Kopf

Über sie zu schreiben, ihre Geschichten zu verwenden – das käme schon überhaupt nicht infrage. Bei Menschen mit meiner Hautfarbe habe ich derartige Skrupel nie – ich bediene mich ungeniert bei Gehörtem, Gelesenem, Gesehenem, wie es eine Schriftstellerin eben tut. Wohl ist mir bei meiner Zurückhaltung nicht, ich spüre die Schärfe der Schere im Kopf. Wenn ich über Milieus oder Themen schreibe, von denen ich wenig weiß, recherchiere ich so lange, bis ich mich sicher fühle.

In meinem zweiten Roman „Am Schwarzen Berg“ erzähle ich aus der Perspektive von Männern. Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, ist eine Grundvoraussetzung des Schreibens. Jeder gute Schriftsteller kann das. In eine andere Haut schlüpfen, Raum und Zeit überwinden, praktisch alles zur Sprache bringen, gehört zu den großartigen Möglichkeiten des Schreibens.

Feige? Natürlich!

Eine in Stuttgart lebende Kenianerin habe ich trotzdem nie zu einer Figur gemacht, ebenso wenig wie eine muslimische Albanerin, obwohl sie zu jener Gegenwart gehören, die ich beschreibe. Es gab Entwürfe, dann die Zweifel: Das darfst du nicht, es wird in jedem Fall verkehrt, verletzend, rassistisch sein. Schließlich die Entscheidung dagegen. Feige? Natürlich.

Der Präsident des amerikanischen PEN, Ayad Akhtar, Roman- und Theaterautor, geboren 1970 als Kind pakistanischer Einwanderer, hat vor einigen Tagen in Berlin eine aufsehenerregende Rede gehalten, die diesen Zustand der Selbstzensur beschreibt – und als Gefahr nicht nur für die Freiheit der Kunst, sondern für die gesamte westliche Demokratie erkennt. Nachzulesen ist die Rede im Internet unter https://penberlin.de/rede-akhtar.

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