Kolumne von Elisabeth Kabatek Ab Zürich wird’s schön

Blick auf Zürich, Limmat und den Zürichsee. Einfach rausgucken und wegnicken ist bei der Zugfahrt von Stuttgart über Zürich nach Mailand unserer Autorin gelungen. Foto: dpa/swiss-image.ch

Sommerzeit Reisezeit. Doch wie reist man möglichst nervenschonend? Die Seele reist schließlich mit. Ein Versuch im Zug.

Wann fängt der Urlaub an? Wer schon am Albaufstieg in einen kilometerlangen Stau gerät oder stundenlang auf seinen Flug wartet, wird die Reise wohl kaum als Urlaub empfinden. Beginnen die Ferien, wenn man landet? Oder im Hotel eincheckt? Oder das erste kühle Bier am Strand trinkt? In unserem durchgetakteten Leben geht es um Schnelligkeit. „Schneller“ ist durchweg positiv besetzt, es bedeutet Zeitersparnis und Fortschritt. Je länger die Reise, desto weniger Urlaub! Oder man dreht den Spieß um: nach Süditalien mit dem Zug, hin- und zurück dreieinhalb Tage. Mit einem Interrail-Ticket, wie in alten Zeiten. Man schleppt jedoch keinen Rucksack mit Gestänge wie früher, sondern reist mit Rollkoffer im aufschlagspflichtigen Schnellzug statt im bummelnden Nachtzug.

 

Lärmpegel und Toleranzschwelle sind hier höher als bei uns

Stuttgart – Singen, Singen – Zürich, Zürich – Mailand, Mailand-Salerno: Das schafft man an einem Tag, aber der ist lang. Die Fahrt beginnt um 7.17 Uhr am Hauptbahnhof in Stuttgart und endet superpünktlich um 20.36 Uhr in Salerno. Ab Zürich wird’s traumhaft schön, draußen gleiten der Zürichsee, der Zugersee und der Vierwaldstättersee vorbei. Nach der Hektik der letzten Tage könnte man besser nicht runterkommen. Gedanken schweifen lassen, stundenlang, nicht einmal Lust zu lesen, die Seele kommt auch mit. Rausgucken und wegnicken. Es ist ein Dienstag, der Zug ist leer. Ab Rom wird es anstrengend. Ein kleiner Junge wird mit einem quäkenden Handy ruhiggestellt, jemand hört laut Musik, irgendwo läuft ein Fußballspiel. Der Lärmpegel ist hoch, die Toleranzschwelle auch höher als bei uns, die deutschen Nerven tun sich schwer. Aber dann, der Zauber, mitten in Salerno auszusteigen, und eine halbe Stunde später in einer kleinen Trattoria eine riesige Pizza zum Spottpreis zu essen, ohne lästigen Flughafentransfer!

Der winzige Bahnhof in Pisciotta wird in Erinnerung bleiben. Der Fahrkartenschalter ist gleichzeitig italienische Bar. Hier trinken die Pendler schnell einen Espresso und essen dazu ein Corneto mit Aprikosenfüllung. Die beiden Männer, die hinter der Theke stehen, der eine für Kaffee, der andere für Fahrkarten zuständig, sind groß, haben kahle Schädel und sind ein bisschen furchteinflößend. Als Tourist fällt man hier auf. Die Rückfahrt wird in Como unterbrochen und beginnt am Freitag, die italienischen Geschäftsleute fahren nach Hause und scheinen ihr Büro komplett in den Zug verlegt zu haben.

Büro im Zug und kein Internet

Meetings, laute Telefonate, auch das ist anstrengend. Wer Zug fährt, ist ungeschützt, ausgeliefert, und kriegt doch so viel mehr mit als in einem hermetisch abgeschlossenen Auto. Auf der Fahrt von Lugano nach Zürich gibt’s kein Internet. Der Schaffner ist genervt wegen der Kritik. „Bei uns gibt es umsonst V-Lan“, erklärt er. „Schauen Sie doch einfach zum Fenster raus und genießen Sie die Vorbeiziehende Landschaft!“

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