Kolumne von Katja Bauer Was wäre eine Zeit ohne Schreihälse in der Politik

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Die nachrichtenarme Zeit füllen heute keine Tiere mehr, sondern die Akteure, die am lautesten schreien. Die CSU hat mit ihrem „Masterplan“-Schauspiel in dieser Hinsicht neue, traurige Maßstäbe gesetzt, findet Katja Bauer.

Einem Braunbären wie ihm ging es 2006 an den Kragen. Foto: dpa
Einem Braunbären wie ihm ging es 2006 an den Kragen. Foto: dpa

Berlin - Erinnern Sie sich noch an Bruno, den Problembär? Er hat etwas gemeinsam mit dem furchterregenden Ungeheuer von Loch Ness: beide leben im Sommerloch. Während die Existenz Nessies im Vagen bleibt, gab es Bruno wirklich. Nur war er in der Realität deutlich kleiner als in der Wahrnehmung – nämlich normal lebensgroß.

Das ist so mit Sommerlochtieren. Ihre Bedeutung oder die Vorstellung, wie gefährlich sie seien, wächst etwa in dem Maß, in dem die Zahl der anderen Nachrichten sinkt. Mediale Plattentektonik sozusagen: Löcher tun sich auf, werden gefüllt. Bruno wurde dies zum Verhängnis. Ihm fiel in seinem Wildtierdasein auf einmal eine politische Rolle zu, was zu Pressekonferenzen, übersteigerten Aktionen von CSU-Politikern, der Erschaffung einer Bärsuchhund-Staffel, einer Abschussgenehmigung sowie am Ende zu Brunos Tod führte.

Die CSU hat neue, traurige Maßstäbe gesetzt

Traurig für das Tier, aber irgendwie vermisst man das alte Sommerloch schmerzlich. Denn inzwischen treten die medialen Bedeutungsverschiebungen nicht mehr saisonal begrenzt auf. In einer Welt, in der das Internet immer an ist, produziert besonders stark derjenige Nachrichten, der die schrillste Behauptung am lautesten schreit und es am effektivsten vermag, seine Wahrheit an die dicksten Verteilknoten der sozialen Netzwerke zu platzieren. Von dort kommen diese Behauptungen und Forderungen dann zurück in die klassischen Massenmedien, werden zu Nachrichten gemacht – und manchmal dadurch sehr schnell zur politischen Wirklichkeit.

Mit ihrem mehraktigen „Masterplan“-Schauspiel hat die CSU in dieser Hinsicht neue, traurige Maßstäbe gesetzt. Denn unabhängig davon, ob man nun die Meinung Horst Seehofers über die Notwendigkeit sogenannter Zurückweisungen teilt oder nicht, kann man eines nicht leugnen: Absichtlich wurde hier ein einzelner Aspekt des Themas Flüchtlingspolitik so aufgeladen, als liege im Ja oder Nein zur Zurückweisung eine mögliche Lösung für ein globales Migrationsgeschehen. Das ist Bruno-Politik, und sie ist nicht nur zynisch, sondern handwerklich schlecht, weil sie eine Lösung vorgaukelt. Eigentlich liegt die Aufgabe verantwortungsvoller Politiker im Gegenteil solcher Aufladungen. Nämlich darin, ein Problem angemessen darzustellen und um Mehrheiten für ihre Vorstellung einer ernsthaften Lösung zu ringen. Dafür stehen die Chancen in einer irrationalen und verbal verrohten Debatte nicht gut.

Sommerpause ohne Aufregung – was wäre das schön

Einen Effekt aus dem Sommerloch früherer Zeiten würde man sich deshalb dieser Tage sehnlichst zurückwünschen: den Effekt der Pause. Die Möglichkeit für alle, mal runterzukommen, nachzudenken, und dann, im September milder, kühler, ausgeruhter und menschlicher zurückzukommen.

Stellen Sie sich mal vor: Ferien wie früher. Ohne Netz. Der Politikbetrieb ruht, keiner postet Selfies davon, wie er total runterkommt, die Kanzlerin wandert. Die WM und Wimbledon sind vorbei, nur der US-Präsident spielt jeden Tag eine ehrlich gezählte Runde Golf, hält aber den Schnabel. Selber kriegt man das alles nur schemenhaft mit, weil der Kiosk am Strand jenes fremden Landes nur alle paar Tage mal eine angejahrte Zeitung anbietet. Die Seiten rascheln im Wind, Sonnencreme löst hier und da die Druckerschwärze. Alles erscheint sehr weit weg, die Aufregung von neulich kaum noch verständlich. Die Welt kann warten, ein bisschen jedenfalls.




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