Kolumne von Oskar Beck Das Zeug zum VfB-Chef hat nur einer

Dieter Hundt erlebt schwere Zeiten. Foto: dpa 15 Bilder
Dieter Hundt erlebt schwere Zeiten. Foto: dpa

Was muss ein perfekter Präsident können?, fragt unser Kolumnist Oskar Beck angesichts der aktuellen Lage beim VfB Stuttgart – und gibt auch gleich die Antwort.

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Stuttgart - Letzten Sonntag hat der VfB in Hannover gastiert, und leidenschaftlicher als das tor- und trostlose Spiel war der hin und her tobende Schreikrampf auf den Rängen. „Mäuser raus!“, sangen die VfB-Fans. „Kind raus!“, kam das Echo aus der 96er-Ecke.

Martin Kind ist im richtigen Leben Hersteller von Hörgeräten, aber der Aufschrei war so laut, dass er die Produktion vermutlich auf Ohrenstöpsel umstellt. Nicht viel gnädiger kommen momentan die Parolen und Plakatattacken („Aus die Maus“) der schwäbischen Fußballfreunde daher – sie pfeifen darauf, dass Gerd Mäuser früher erfolgreich Autos verkauft hat.

So ist das, wenn Präsidenten kriseln. Selbst wenn sie als Macher und Manager aus der Industrie kommen und sich dort als kaufmännische Kanonen und betriebswirtschaftliche Bomber der Nation profiliert haben, die mit Geld und Menschen umgehen können, kauft ihnen der Fan in der Kurve an kritischen Tagen nichts mehr ab. Der Leidtragende ist jetzt der VfB-Aufsichtsrat, der stochert mit der Stange im Nebel auf der Suche nach dem Mann nach Mäuser. Selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was böse Zungen munkeln, wird da im Dunkel des Hintergrunds mit den tollsten Namen und Kandidaten geschachert, Sparkassendirektoren, Politikern im Ruhestand, Vorruheständlern im Wartestand, jeder Sponsor will den VfB offenbar mit einer eigenen präsidialen Kühlerfigur beglücken – nur von Annette Schavan und dem Alt-OB Schuster war noch nicht die Rede, und was ist mit Mappus?

Rüstzeug eines Präsidenten

Doch mit der größten Angst denkt der Aufsichtsrat vermutlich schon jetzt an den Tag, an dem er einen gefunden hat, dem er dann mit Händen und Füßen erklären muss: „Das Runde ist der Ball, und rein muss er in das Eckige.“

Was muss ein Präsident an Rüstzeug mitbringen? Immer wieder stellt sich diese Schicksalsfrage, und die unqualifizierteste Antwort darauf hat einmal der alte Betzenbergzauberer Mario Basler gegeben, als er ungefähr meinte: Was der FCK braucht, sind keine Nieten in Nadelstreifen und keine Blinden, die von der Farbe sprechen – sondern Ex-Profis, die von Tuten und Blasen so richtig Ahnung haben. „Basler for President“, jubelten darauf die Fans und dachten kein bisschen daran, dass ihrem Liebling das Verständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge fehlen könnte – er kam ja auch irgendwie aus der Wirtschaft, kein Bier hat er dort ungetrunken von der Theke gestoßen, und schon als Spieler hatte Basler in einer Krise mit dem hochprozentigen Konzept überzeugt: „Wir sollten vielleicht alle zusammen mal einen saufen gehen.“

Muss als Präsident also ein Fußballer her? Helmut Roleder hat es beim VfB schon versucht, aber man weiß ja, dass Torleute oft einen Sprung in der Schüssel haben, und die Hauptversammlung hat dann doch Mäuser gewählt. Zuletzt wurden nun Hansi Müller und Hermann Ohlicher immer mal wieder genannt – jedenfalls sehnt sich der VfB nach einem Uli Hoeneß, der wie kein anderer weiß, was ein Präsident tun muss, wenn es um die Wurst geht. Es ist wie bei den Trainern, akzeptiert wird in der Fankurve nur einer, der als Fußballer erstklassig war, und Peter Neururer (zurzeit wieder Bochum) hat sich darüber einmal mit dem fuchsteufelswilden Fluch aufgeregt: „Muss ich ein Schwein gewesen sein, um zu wissen, wie ein Kotelett schmeckt?“ Muss einer, um Bestattungsunternehmer zu werden, vorher Leiche gewesen sein? Muss einer, um Präsident zu werden, gut gekickt haben?

„Was ist dein Konzept, Uwe?“

Uwe Seeler hat beim HSV einmal die Antwort gesucht. Es ging damit los, dass ihn ein Skeptiker fragte: „Was ist dein Konzept, Uwe?“ Uwe war empört, und mit rotem Kopf hat er etwas vor sich hingegrummelt, das sich anhörte wie: „Das Konzept bin ich.“ Noch einen Schritt weiter ging Franz Beckenbauer, der sich bei seiner Krönung zum Bayernpräsidenten mit dem Satz einführte: „Ein Konzept habe ich keins.“ Dann war da, als weiterer prominenter Probeversuch, noch Wolfgang Overath in Köln. Als Geißbock hat er sich am Ende gefühlt, als Schießbudenfigur, die den Kopf hinhält – und sich vermutlich geschworen, dass er beim nächsten Mal nicht mehr den FC, sondern lieber eine Currywurstbude mit Bierausschank übernimmt. Fragwürdig endete auch die Sache mit Helmut Kremers, der bei der Schalker Hauptversammlung sagte: „Gegen Dortmund haben wir uns früher gar nicht umgezogen“ – im nächsten Moment wählte ihn der begeisterte Saal zum Präsidenten, kurz danach ist Kremers zurückgetreten. Vergessen wir auch Stefan Effenberg nicht. Der kandidierte in Gladbach, wo er früher jahrelang virtuos mit dem Ball jongliert hat – aber die Mitgliederversammlung ließ dann doch lieber die Finger von ihm, nach dem Motto: Lässt man eine Stewardess, nur weil sie zwanzig Jahre lang virtuos den Kaffee serviert hat, anschließend ein Flugzeug steuern?

Nicht jeder Ex-Kicker ist also ein Hoeneß, eher talentiert ist der eine oder andere für den Job des Trikotbeflockers im Fanshop, jedenfalls ziehen es die meisten Clubs im Zweifel immer noch vor, sich lieber von einem Patriarchen, Mäzen, Abramowitsch oder Scheich beherrschen zu lassen – oder notfalls eben von einem, den ein Aufsichtsrat aus dem Ruhestand, vom Golfplatz und aus der Wirtschaft holt, ob es den Fans und Ex-Kickern passt oder nicht.

Berti Vogts hat auch schon einmal gelästert, wie Präsidenten ticken, und zwar beim kommenden VfB-Gegner, den Gladbachern. Der alte Borussenterrier beschrieb dort folgendermaßen, wie Manager Max Eberl zu seinem Job kam: „Er ist wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren, und der Präsident Königs hat gesagt: Max, willst du nicht Sportdirektor werden?“ Wenn wir Berti richtig deuten, hält er Rolf Königs auch für einen dieser präsidialen Geschäftsleute, die bei einem Quiz lange nachdenken müssen, ehe sie wissen, ob der Ball a) aus Sperrholz, b) sechseckig oder c) mit Lachgas aufgepumpt ist.

Neuen Weg eingeschlagen

Was tun? So kann es nicht weitergehen, hat sich der Deutsche Fußball-Bund irgendwann gesagt und beschlossen, einen ganz neuen Weg einzuschlagen und seinen Präsidenten in einer Berufsgruppe zu suchen, die aus unverständlichen Gründen viel zu lange vernachlässigt wurde – den Journalisten. Prompt hat sich Wolfgang Niersbach als Volltreffer erwiesen, und es stellt sich jetzt die Frage: Warum macht es der VfB nicht genauso?

Ich stehe zur Verfügung.

Prügeln Sie mich, aber es fällt mir beim besten Willen kein anderer ein. Ich komme aus keinem Ruhestand, sondern bin noch aktiv und kaufmännisch so ausgeschlafen, dass ich sogar als selbstständiger Griffelspitzer nicht verhungere. Auch sonst bringe ich alles mit, eine gepflegte Halbbildung, eine langjährige berufliche Erfahrung in Teamführung und eine VfB-Vergangenheit, die sich gewaschen hat. Durch dick und dünn bin ich mit dem VfB gegangen und nicht nur wiederholt Meister und Pokalsieger geworden, sondern schon in den trostlosen Zweitligazeiten anno 76 im Mannschaftsbus mitgefahren – beispielsweise packte nach einer unverdaulichen Niederlage bei Bayern Hof mein Nebensitzer Ottmar Hitzfeld auf Höhe Nürnberg die Sporttasche aus, und wir putzten die Wurstbrote weg, die seine Frau dick bestrichen hatte. Ich weiß auch, wie man Trainer feuert, dreißig Jahre lang hat es mir MV schulmäßig eingetrichtert – und wenn das noch nicht reicht, verweise ich auf meine neun WM-Turniere mit sechs Endspielen sowie meine Glanzzeit als Torwart der Journalistennationalmannschaft. Außerdem verspreche ich, als VfB-Präsident den Kopf hinzuhalten wie in meiner Kolumne – und selbstverständlich garantiere ich bei jedem Heimspiel ein zündendes Grußwort im Stadionblatt.




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