Nach dem Wimbledon-Finale mit Sabine Lisicki, hauen die Deutschen jetzt wieder die Becker-Faust raus. Und auch Tommy Haas weckt auf dem Stuttgarter Weissenhof die alten Tennisgefühle, meint unser Kolumnist Oskar Beck.

Stuttgart - Man darf heutzutage nicht mehr alles glauben, aber unbestätigten Gerüchten zufolge ist der Weissenhof momentan der größte Campingplatz Stuttgarts. Sportverrückte Schwaben, ausgerüstet mit Butterbrezeln und Thermosflaschen, sind demnach scharenweise aus den entferntesten Ländlesteilen in Sonderzügen angereist und übernachten in Zelten und Schlafsäcken vor den Kassenhäuschen, um Tommy Haas nicht zu verpassen.

 

Tennis ist wieder in. Wo sich die Turnierveranstalter noch vor kurzem aus Angst vor Beleidigungsklagen nicht getraut hätten, Freikarten zu verschenken, werden ihnen die Tickets plötzlich zu Fantasiepreisen oder im Tausch gegen VfB-Dauerkarten fast raubüberfallartig aus der Hand gerissen – und schuld ist nicht nur Tommy Haas, der jedes Jahr jünger und besser wird, sondern vor allem Steffi Graf, die ganz offensichtlich aus der Gruft der Geschichte gestiegen ist und diesmal Sabine Lisicki heißt.

Bum-Bum-Boris heult Rotz und Wasser

Spätestens im zweiten Satz ihres Finales in Wimbledon wurde zuletzt schlagartig klar, dass im Tennis manches wieder wie früher ist: Die neue Lichtgestalt erschien in Großaufnahme, sie verbarg ihr Gesicht hinter ihrem Schläger, als wollte sie sich verkriechen hinter den Saiten, die in diesem Moment aussahen wie Gitterstäbe – sie war gefangen in ihrer Verzweiflung. Die Unglückliche, die da bittere Tränen vergoss, nahm uns mit bei ihrem emotionalen Abstecher in die Untröstlichkeit, aber es war auch eine Reise in die Vergangenheit – in die mit „Bum-Bum-Boris“ („Bild“, 1985), der als 17-jähriger Leimener die Gegner entweder beim Aufschlag abschoss oder vor Wut Rotz und Wasser heulte. Becker ist mit seinen Gefühlen Gassi gegangen, und mit unseren – und so nimmt uns jetzt „Bum-Bum-Bine“ („Bild“, 2013) mit, bis wir fix und fertig sind.

Wir haben wieder Lust auf Tennis – oder sagen wir es mit Haas: „Ganz Deutschland stand hinter ihr.“ Mit ganz Deutschland meint er sich, dich und mich, oder Steffi. „Das macht wieder Riesenspaß“, freut sich die alte Gräfin. Auch sie ist erleichtert, denn mussten wir uns nicht alle so langsam sorgen, dass wir eines Tages den Rollator vor uns herschieben und durch die dritten Zähne unseren Urenkeln vorschwärmen würden, wie toll wir Deutschen im Tennis mal waren – damals, im vorigen Jahrtausend? Sie merken, hier schreibt ein vom langen Heldenentzug geprügelter Sportsfreund, der sich zurücksehnt in das glorreiche Gestern – selbst die Dichter und Denker schalteten damals klammheimlich ein, wie Walter Jens oder Martin Walser, der im hohen Fieber verriet: „Besser kann Fernsehen nicht sein als beim Tennis.“

Bum-Bum-Bine spielt Klavier

Sogar die ARD hatte es schon vergessen, so lang ist es her. Panisch ist das Erste letzte Woche noch schnell mit dem Hut sammeln gegangen, um das Finale in Wimbledon wenigstens als Kurzkonserve servieren zu können – denn dramatisch nähert sich die Euphorie im Land wieder jenen Zeiten, als jeder anständige Deutsche auf die Frage, welche Bedingungen ein Tennisball zu erfüllen hat, die Antwort im Schlaf heruntergerasselt hat: Er ist hohl, außen aus Gummi und mit Filz überzogen, und außerdem muss er zwischen 1,23 und 1,47 Meter hoch springen, wenn er bei 20 Grad Celsius aus einer Höhe von 2,54 Metern auf eine harte Unterlage fällt.

Auch jetzt wissen wir wieder alles. Bum-Bum-Bine spielt Klavier, leidet unter einer Gluten- und Rasenallergie und hat ein Nilpferd am Glückskettchen in der Tennistasche. Auf Sonderseiten erzählt man uns ihr Leben lückenlos nach, und statt aus Kairo wären ARD-„Brennpunkte“ und ZDF-„Extras“ aus Wimbledon erschienen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen die Rechte gehabt hätten. Wir erfuhren sogar, dass ihre Finalgegnerin Marion Bartoli einen IQ von 175 hat und damit in der Weltrangliste zwischen Einstein (148) und Goethe (210) liegt – und auch Tommy Haas ist im neuen Boom nicht vergessen worden, jedenfalls hat er in den letzten Tagen mehr Interviews gegeben als alle übrigen deutschen Tennisspieler in zehn Jahren zusammen.

Flüchten die Golfer zurück zum Tennis?

Ach, wie sehnsüchtig haben wir darauf gewartet. Wir hauen wieder die Becker-Faust heraus, die Vorbestellungen von Stirn- und Schweißbändern fressen seit Tagen die Lagerbestände der Hersteller auf, die alten Deutschen holen ihre Wilhelm-Bungert-Gedächtnisholzschläger aus der Mottenkiste, und die jungen stürmen die Sportgeschäfte und verlangen Bum-Bum-Bine-Rackets. Eine Million Preisgeld hat Lisicki in Wimbledon ungefähr mitgenommen, und es ist der zweitdickste deutsche Scheck im Tennis, seit der Daviscupveteran Max Wünschig bei Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ fünf Millionen gewann.

Tennis war tot. Tennis kam höchstens noch in den Nachrichten, wenn Steffi Graf mit ihrem Gatten Andre Agassi bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung das Mixed gewann und Boris Becker unweit Wimbledon eine Russin aus Versehen in andere Umstände versetzte oder in St. Moritz Hochzeit feierte in Form eines live übertragenen TV-Mehrteilers – über das Brautkleid von Lilly wurde mehr diskutiert als über den Aufschlag von Kohlschreiber. Doch der Tiefpunkt war die hübsche Sandy Meyer-Wölden: Sie war mit Haas und Boris hautnah liiert – aber geheiratet hat sie am Ende den Komiker Oliver Pocher.

Tennisbälle statt Golfbälle

Tennis war nicht mehr gesellschaftsfähig. Zum Golf ist der anspruchsvolle Deutsche geflüchtet und hat sich weder von Norbert Blüms denkwürdigem Talkshow-Auftritt („Warum soll ich Golf spielen, ich bin sexuell noch aktiv“) abschrecken lassen, noch von der grausigen Meldung über Michael Douglas („Der Rosenkrieg“), der einem Caddie mit einem Querschläger einen Hoden zerschmetterte. Doch nun, ganz jäh, wendet sich das Blatt wieder. Seit ein paar Tagen pfeffern die Deutschen keine Golfbälle mehr durch die Prärie, sondern Tennisbälle gegen das Garagentor, und die ersten steuern schon den nächsten Court an, um mit dem Aufschlag von unten vorsichtig wieder zu beginnen und zu prüfen, ob sie womöglich ihre gefürchtete Rückhandpeitsche aus den 80ern noch hinkriegen.

Wird das Tennis wieder zu dem, was es einmal war, Drama und Thriller, Lustspiel und Tragödie, Weinkrampf und Schreikrampf? Stülpen wir vor Begeisterung bald wieder Tennisbälle über die Anhängerkupplungen? Weckt auch Tommy Haas auf dem Weissenhof jetzt wieder unsere alten Gefühle? Es wäre auf jeden Fall das höchste der Gefühle – so viel ist spätestens klar, seit sich Jürgen Klopp anlässlich der letzten Champions League bei seinen BVB-Kickern mit den Worten bedankte: „Das war ganz großes Tennis.“