Kolumne von Oskar Beck Ist Jürgen Klopp für den DFB einfach zu gut?

Von Oskar Beck 

Stefan Kuntz? Marcus Sorg? Wer wird nach Jogi Löw Bundestrainer? Verblüffende Diskussionen sind im Gange. Warum spricht niemand von Jürgen Klopp? Unser Kolumnist Oskar Beck hat eine Erklärung.

Das Problem: Jürgen Klopp war nie Cotrainer eines deutschen Bundestrainers Foto: AFP/Paul Ellis
Das Problem: Jürgen Klopp war nie Cotrainer eines deutschen Bundestrainers Foto: AFP/Paul Ellis

Stuttgart - Seit Tagen wird hemmungslos über die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft debattiert, Hinz und Kunz haben nur noch ein Thema: Kuntz.

Wird Stefan Kuntz Bundestrainer?

Um der Frage aus dem Weg zu gehen, bleibt dem Heißdiskutierten nur noch die Flucht, entweder auf den nächstbesten Baum oder wie letzten Samstag ins ZDF-Sportstudio – wo ihn der Moderator Jochen Breyer prompt wieder fragte: Werden Sie Bundestrainer?

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So läuft das neuerdings täglich und überall. In Film, Funk und Fernsehen wird der Trainer des U-21-Talentschuppens schon so gut wie als Jogi Löws Nachfolger vorgestellt, und auch das Fachorgan „kicker“ bohrte kürzlich bei seinen Lesern: Wäre Kuntz ein passender Kandidat für eine Löw-Nachfolge?

„Ja“, jubelten 75 Prozent.

Ist das Fell des Löwen schon verteilt?

Bevor jetzt ein grober Irrtum aufkommt: Nicht morgen soll Kuntz anfangen, sondern erst, wenn Löw aufhört. Aber selbst dem Bundestrainer kann es offenbar gar nicht mehr schnell genug gehen, über den Schellenkönig hat er Kuntz unlängst gelobt – und als Alternative auch gleich noch seinen Co-Trainer Marcus Sorg vorgeschlagen, der ihn während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit zuletzt gegen Weißrussland und Estland unfallfrei vertreten hat. „Wir haben zwei Trainer beim DFB“, spürt Löw, „die absolut die Fähigkeiten haben, Bundestrainer zu werden.“

Böse Zungen wundern sich über zwei Dinge: Dass das Fell des Löwen verteilt wird, bevor er erlegt ist – und dass anscheinend keiner an Jürgen Klopp denkt.

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Wenigstens dessen Berater ist dieser Tage dazu befragt worden, und Marc Kosicke hat ungefähr geantwortet, dass Klopp in Liverpool beliebt wie die Beatles ist und dort voller Lust noch ein paar erfolgreiche Dinge im Schilde führt – aber gleichzeitig betonte Kosicke: „Jürgen selbst hat gesagt, dass für den Fall, dass Jogi Löw irgendwann nicht mehr Bundestrainer sein möchte und die Konstellation so wäre, dass er das machen könnte, dies eine Option für ihn sei.“

Die Konstellation ist die: 2022 endet sowohl Löws DFB-Vertrag als auch der von Klopp in Liverpool. Es könnte sich also womöglich lohnen, wenn der steinreiche DFB einmal Geld in die Hand nimmt, über seinen Schatten springt ein Ferngespräch führt – und die verbandsinterne Bundestrainerlösung nicht länger für die einzig seligmachende hält. Verstehen wir uns nicht falsch: Sympathischer als Kuntz kann ein Trainer nicht sein. Als Motivator, Kumpel, Chef, Teamplayer und „Spielerflüsterer“ wurde er im „Sportstudio“ mit Fug und Recht porträtiert.

Der DFB agiert gerne kleinkariert

Aber das alles ist auch Klopp, und darüber hinaus noch ein bisschen mehr. Von seinem ersten Tag an, damals in Mainz, hat Klopp gezeigt, was ein überragender Trainer ist. Als Kuntz jetzt im ZDF gefragt wurde, warum er als Trainer früher so erfolglos war, wich er ins Ungefähre aus. Das tut momentan auch noch DFB-Direktor Oliver Bierhoff, er lässt sich mit dem Satz zitieren: „Ob ich Stefan Kuntz den Job des Bundestrainers zutraue? Die Frage werde ich beantworten, wenn sie sich stellt.“

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Zieht man die Geschichte zurate, hat er keine Chance. Der DFB tickt bei der Kandidatensuche kleinkarierter. Der letzte Bundestrainer, der zugleich der beste deutsche Trainer seiner Zeit war, war Sepp Herberger. Das ist lange her – er war schon Reichstrainer unter Hitler.

Keiner der Besten ist Bundestrainer geworden, weder Hitzfeld, Rehhagel, Weisweiler, Lattek noch Dettmar Cramer. Letzteren schlug Herberger anno `64 als seinen Nachfolger vor. Aber Cramer wurde dann lediglich Assistent unter Helmut Schön, und vor dem WM-Endspiel 1966 kam es zum legendären Taktikstreit. Der pfiffige Stratege Cramer, Spitzname „Professor“, wollte den Stürmer Emmerich weglassen, dafür den Bremer Nahkämpfer Max Lorenz auf Englands Star Bobby Charlton hetzen – und den jungen Beckenbauer offensiv von der Leine lassen. Doch Schön ließ Beckenbauer hinter Charlton herrennen. „Der Lange“, meckerte Abwehrchef Willi Schulz, „hat nix kapiert.“

Cramer verließ den DFB. Mit dem FC Bayern gewann er dann alles, und Beckenbauer verstand den Fußball nicht mehr: „Cramer hätte Bundestrainer werden müssen, nix anderes.“

Stattdessen wurde Jupp Derwall Bundestrainer, ein anderer Schön-Assistent („Ich bin der Jupp, prost!“). Nach der Frohnatur übernahm Franz Beckenbauer. Der war gar kein Trainer, sondern „Bild“-Kolumnist, er hatte bis dahin die Überschriften wie „Ruiniert Derwall unseren Fußball?“ mit zündenden Belegen untermauert. In der Not taufte man ihn Teamchef. Auf den Kaiser folgte der treue Verbandstrainer Berti Vogts, und als der ersetzt werden musste, geriet die Bundestrainersuche zur Volksbelustigung. DFB-Präsident Egidius Braun hatte diverse Kandidaten im Kopf – und eines Tages rief er Exweltmeister Paul Breitner an und bat ihn um ein Urteil.

Wird eigentlich immer der Cotrainer der Nachfolger?

„Nach dem vierten“, erzählte Breitner später, „habe ich gesagt: Hören Sie auf mit dem Schmarrn, bei den Namen wird mir ja schlecht. Nach einer Viertelstunde fragte mich Braun: Möchten Sie denn Teamchef werden?“ Der DFB wurde im letzten Moment dann aber auf Teneriffa fündig. Dort lebte Derwalls längst vergessen geglaubter Ex-Cotrainer Erich Ribbeck und spielte mit Vorliebe Golf. „Sir Erich“ unterschrieb – er hatte als Vorruheständler ja Zeit.

Danach, viele konnten es kaum fassen, hätte es um ein Haar Christoph Daum geschafft, erstmals griff der DFB nach einem echten Meistermacher. Doch Daums kokainhaltige Frisur hielt dummerweise der gerichtsmedizinischen Analyse nicht stand, und der DFB war froh, dass sich Rudi Völler, den niemand als Trainer kannte, als Notnagel opferte. Der Nächste, Jürgen Klinsmann, konnte dann wenigstens auf einen Kurzlehrgang als Trainer verweisen, und als sich die Suche nach einem Cotrainer mühselig hinzog, meinte Augenzeuge Beckenbauer tröstend: „Irgendeiner wird es schon machen.“ Das war dann Jogi Löw. Und der wurde dann automatisch auch Klinsmann Nachfolger.

Jetzt darf also Stefan Kuntz auf den Hang des DFB zur internen Lösung hoffen. Aus Respekt vor Löw scharrt er nicht mit den Hufen, hat aber am Samstag im ZDF signalisiert, dass er sich nicht verweigern wird, „wenn Löw in acht Jahren aufhört“.

Falls Jogi Löw schon 2022 aufhört, muss das aber auch nicht der Untergang der Nationalmannschaft sein. Der DFB könnte das Warten auf Kuntz dann überbrücken mit Jürgen Klopp – zumindest für fünf Jahre hätten wir dann kurz einen Bundestrainer, der zugleich der beste deutsche Trainer ist.