Der Fußball entscheidet vermutlich die Bundestagswahl. Grund genug für unseren Kolumnisten Oskar Beck, die beiden Kanzlerkandidaten zu durchleuchten – im ersten Teil die Titelverteidigerin Angela Merkel.

Stuttgart - Dass eine Bundestagswahl vom Fußball entschieden wird, wissen wir seit der Weltmeisterschaft 2002. Damals wickelte sich der alte SPD-Krieger Peter Struck nach dem Sieg gegen Kamerun in eine schwarz-rotgoldene Fahne ein und jubelte: „Jetzt schlagen wir die Schwarzen auch bei der Bundestagswahl.“ So kam es – und alle Politiker schwören seither auf die Magie des Fußballs. Sogar die Schwarzen.

 

Die Bundestagswahl, erklärt in einer interaktiven Infografik (zum Vergrößern klicken):

Und schon sind wir bei Angela Merkel.

Die hohen Umfragewerte der Titelverteidigerin im Kanzleramt sind nach Ansicht führender Wahlpsychologen und Verhaltensforscher maßgeblich zu erklären mit ihrem konsequenten Dreipunkteprogramm – es besticht vor allem dadurch, dass jeder Punkt mit den zwei anderen verknüpft ist mittels einer klaren Linie.

Punkt 1: Die Kanzlerin regiert vorbildlich im Sinne des TV-Sportmoderators Reinhold Beckmann, von dem der nachdenkenswerte Satz stammt: „Sollten noch Fragen offen sein, die Antwort lautet immer: Fußball.“

Punkt 2: Sie hat die Philosophie des früheren Grünen-Machos Joschka Fischer („Der Fußball ist des Mannes zweitgrößtes Glück“) überzeugend auch auf die deutsche Frau übertragen.

Aber vor allem, und das ist Punkt 3, beherzigt sie nicht nur den unbezahlbaren Rat von Otto Rehhagel („Entscheidend ist auf dem Platz“), sondern hat ihn noch weiterentwickelt: Entscheidend ist auf der Tribüne.

Fast hätte Mick Jagger sein „Angie“ gesäuselt

Kein wichtiges Länderspiel wird ohne die Kanzlerin angepfiffen. Ballverliebt und bibbernd tanzt sie dann da oben auf den staatstragenden Schalensitzen ausgelassen mit Sepp Blatter und sonstigen Königen und Kaisern bis hin zum Franz (Sommermärchen, WM 2006), empfängt unseren vom Schiedsrichter verbannten Bundestrainer Jogi Löw in dessen Exil auf der Tribüne zum spontanen Gipfelgespräch (Wien, EM 2008) oder rast überwältigt vom Glück völlig ziellos über die Ehrentribüne in Kapstadt, vorwärts und rückwärts, um irgendeinen zu finden, den sie noch nicht umarmt hat (WM 2010, 4:0 gegen Argentinien) – fast hätte Mick Jagger, der nur ein paar Meter weiter saß, nochmals ergriffen sein „Angie“ gesäuselt.

Die Kanzlerin ist auf Ballhöhe. Mesul Özil kam nach dem Spiel in der Kabine einmal aus der Dusche, wie Gott ihn schuf, und wer wartet da schon und reicht ihm praktisch das Handtuch, damit sein bestes Stück keinen roten Kopf kriegt? Klick. Foto im Kasten. Anderntags stand dann vermutlich wieder in der Bildunterschrift: „Die Fußballkanzlerin.“

An der Stelle werden sie bei der anderen Feldpostnummer zornig. Auf 180 geht da jeder anständige Sozi, beschimpft die Angstgegnerin in einem Atemzug mit dem Freiherrn von und zu Guttenberg oder Annette Schavan als „Plagiatorin“ und wirft ihr vor, dass sie schamlos abkupfert vom Original, dem einzig wahren Fußballkanzler: Gerhard Schröder. Andererseits: zeigt Angela Merkel nicht den höchstem Respekt für den Vorgänger, wenn sie sich dessen größte Stärke zu eigen macht?

Die Kanzlerin im Fußballfieber

Die Politik ist voller Rätsel, und dazu passt das folgende neckische Quiz: Wie wollte Schröder einmal die Bundestagswahl gewinnen – hat er im Blitzlichtgewitter der Kameras a) mit Pele auf der Terrasse des Kanzleramts Bälle jongliert, b) mit Wladimir Putin beim Torwandschießen die deutsch-russischen Beziehungen gestählt oder c) beim Training von Mainz 05 eiskalt einen Elfmeter verwandelt?

Die richtige Antwort ist a), b) und c). Schröder trat zeitweise gegen alles, was man ihm vor das Schussbein warf. Auf den beeindruckendsten Fotos, die ihn beim Regieren zeigten, zauberte er mit dem Ball vor dem Schreibtisch oder schrieb eine „Bild“-Bundesligakolumne, und weil er sich sogar beim Tischfußball knipsen ließ, gilt er auch als Erfinder der Tipp-Kick-Politik. Ohne Ball traute er sich kaum noch an die Öffentlichkeit, und angeblich hatte er stets eine aufklappbare Torwand im Kofferraum, um auf dem nächstbesten Marktplatz notfalls geschwind seine besten Argumente abzuschießen, drei unten, drei oben. „Acker, hau drauf!“, rief das Volk, und „Acker“, der bei TuS Talle einmal ein kreuzgefährlicher Stürmer war, drosch die Pille ins Loch.

So ähnlich macht es jetzt auch Angela Merkel, auf der besten aller Bühnen, der Tribüne. Wenn das Spiel klasse läuft, knöpft sie sich entfesselt die Bluse auf wie Marilyn Monroe in „Manche mögen’s heiß“. Alles Kalkül, meckern da die Merkel-Feinde – und werfen ihr vor, dass sie sich als Glamourgirl im Glanz des Jogifußballs sonnt, um von ihrer Politik abzulenken.

Kanzler dürfen den Ball nicht mehr flachhalten

Ja, soll sie den Ball denn flach halten? Der letzte Kanzler, der sich das noch ungestraft leisten konnte, war der alte Adenauer: Der ließ unsere Helden beim Wunder von Bern anno 54 schamlos allein, weil er dachte, Herbergers ausgemergelte Kriegsheimkehrer seien chancenlos – aber vor allem hatte Adenauer noch eine gesicherte Mehrheit.

Heute muss man als Kanzlerin um jeden Ball kämpfen. Wenn der Spielort auf dem See- und Luftweg auch nur halbwegs erreichbar ist, packt sie also den Kosmetik- und Reisekoffer, und mit wachsender Verzweiflung versucht die SPD dagegenzuhalten. Klaus Wowereit hat, wenn wir uns richtig erinnern, als Regierender Bürgermeister von Berlin sogar den Schwulen und Lesben für den Christopher Day einmal abgesagt, um Angela Merkel beim EM-Finale 2008 in Wien auf der Tribüne Paroli zu bieten – aber im Schussfeld der Kameras saß neben dem spanischen König Juan Carlos dann halt wieder die Kanzlerin, und mit so gut wie schwarz-rot-gold tätowierten Backen ging sie als Großaufnahme erneut um die Welt.

Was sie taktisch vom Fußball weiß?

Alles. Bei ihren vielen Mittagsessen im Kreis der Nationalmannschaft hat sie sich von Joachim Löw eintrichtern lassen, wie man den Gegner abseits stellt oder ins Leere laufen lässt – vor allem, wenn er schnaubend daherkommt als bulliger Sturmtank wie einst „Acker“ oder neulich Peer Steinbrück. Sagt der doch tatsächlich, dass er die Wahlkampfpostkarte lustig findet, auf der seine CDU-Widersacherin beim verschwörerischen Händedruck mit Uli Hoeneß abgelichtet ist, wobei ihr auch noch die Sprechblase in den Mund gelegt wird: „Glückwunsch Uli! Wir Steuern das schon.“ Steuern mit groß S.

Wie die Kanzlerin gekontert hat auf diese Blutgrätsche mit gestrecktem Bein?

Wie immer in solchen Fällen: gar nicht. Da wird Angela Merkel zur Teflonpfanne, alles perlt von ihr ab. Als hätte sie kein Schienbein, so steckt sie die Fußballattacken ihres Herausforderers weg. Sie konzentriert sich lieber auf das nächste wichtige Länderspiel, setzt sich dort in ihrem roten oder grünen Blazer dann wieder strahlend auf die Tribüne, summt die Hymne mit – und ihr Tag ist vollends gerettet, wenn sie wie bei der EM letztes Jahr die Pappendeckel im Stadion sieht, auf denen die Fans sie grüßen: „Hallo Mama.“

Mutti macht das schon.

Aber was sagt Vati dazu? Diesbezüglich bald mehr: Im Kanzlercheck, Teil 2 – Peer Steinbrück.