Der Fußball entscheidet vermutlich die Bundestagswahl. In einem Doppelschlag durchleuchtet unser Kolumnist Oskar Beck die beiden Kandidaten – zuerst die Titelverteidigerin Angela Merkel, jetzt den Herausforderer Peer Steinbrück.

Stuttgart - Falls sich die dürren Umfragewerte des SPD-Kanzlerkandidaten in der Wahlnacht als falsche Fährte herausstellen und Peer Steinbrück plötzlich einen vierfachen Schraubensalto springt, würde das viele nicht überraschen – denn als genial wird sein strategischer Coup eingeschätzt, in der heißen Phase des Wahlkampfs auf das richtige Pferd zu setzen: Uli Hoeneß.

 

Ob Steinbrück selbst auf die Idee kam? Man weiß es nicht. Er weist diesen Verdacht und alle Lorbeeren strikt von sich, womöglich aus falscher Bescheidenheit. Deshalb gilt offiziell der alte SPD-Wahlkampf-Plakatierer Klaus Staeck als Urheber dieser grafisch pointiert gestalteten Fußballpostkarte, die auf der Zielgeraden des Wahlkampfs so hohe Wellen schlug. Unschwer zu erkennen ist darauf Steinbrücks Rivalin Angela Merkel mit dem bekannten Kontoinhaber Hoeneß, wobei der innige Händedruck der beiden noch verschärft wird durch die der Kanzlerin virtuos in den Mund gelegten Worte: „Glückwunsch Uli! Wir Steuern das schon.“

Das Geld der Gierigen

Natürlich hätte sich Steinbrück von diesem Flyer, der seinem Wahlkampf plötzlich Flügel verlieh, angeekelt und entrüstet distanzieren können, aber er hat es dann mit einem zarten Querverweis auf seinen engagierten Kampf für mehr Steuergerechtigkeit im Land doch vorgezogen, mehr oder weniger unverhüllt eine bisschen Sympathie für das launige Postkartenmotiv zu gestehen. Das Feindeslager hat ihn dafür ein paar Tage lang ausgepeitscht – aber jetzt mal im Ernst: Hätten Sie als Steinbrück den Trumpf Hoeneß unausgespielt im Ärmel gelassen?

So eine neckische kleine Fußballdebatte über das Geld und die Gierigen kann einen modernen Wahlkampf heutzutage mehr beleben als jede große über den Mindestlohn, denn Hoeneß ist schließlich der König Fußball von Deutschland – und dass der Weg ins Kanzleramt nur über König Fußball führt, wusste schon Gerhard Schröder. Man mag gar nicht dran denken, mit welchem Armschwung und Hallo der früher so ein Schippen-Ass wie Hoeneß geschwind aus dem Nichts auf den Tisch geknallt und gegen den Stoiber oder die Merkel verwendet hätte.

Schröder, der Fußballkanzler. Kein Politiker hat früher begriffen, dass es im Wahlkampf nicht mehr genügt, am Zaun des Kanzleramts zu rütteln und „Ich will da rein!“ zu rufen – sobald es eng wurde, hat sich Schröder einen Ball unter den Arm geklemmt und öffentlich auf alles geschossen, was nicht bis drei auf dem Baum war.

Die Kandidaten können den Fußball nicht vernachlässigen

„Pass auf, Peer“, hat er nun vermutlich irgendwann neulich gesagt, „hast Du was zum Mitschreiben?“ Und dann hat er losgegelegt und Steinbrück das A und O erklärt: Wer als Kanzlerkandidat im Wahlkampf den Fußball vernachlässigt, kann den Urnengang vergessen und sich gleich feuerbestatten. Der mündige Wähler will schließlich wissen: War mein Kandidat ein zähes Laufwunder, ein bissiger Manndecker oder ein bulliger Sturmtank? Schröder war so einer, als Torjäger von TuS Talle war er gefürchtet als „Acker“. Auch alle anderen Spitzenkandidaten im Wahlkampf haben sich stets geoutet. Helmut Kohl entpuppte sich plötzlich als knallharter Ex-Vorstopper des SV Phönix 03 Ludwigshafen, Edmund Stoiber, früher BC Wolfratshausen, konnte sogar auf seine beeindruckende Länderspielbilanz verweisen („Die Spiele der Nationalmannschaft habe ich seit 1950 fast lückenlos verfolgt“) – und Frank-Walter Steinmeiers Motto war schon als Ex-Spielmacher bei TuS Brakelsiek: „Überblick behalten, Chancen erkennen, Druck aufbauen.“

Großer Fußball also, durch die Bank. Steinbrück hatte da eher Defizite. Lange wurde er nur als bekennender, aber anonymer Schachspieler wahrgenommen, während man bei Schröder früher dessen Lieblingsvereine im Fußball kaum noch zählen konnte – böse Zungen schwören, er habe Doppelgänger engagiert, um sich im Wahlkampf gleichzeitig auf drei bis vier Tribünen zeigen zu können. Wenn es nach Schröder gegangen wäre, hätte man das TV-Duell der Kanzlerkandidaten vermutlich getrost ins ZDF-„Sportstudio“ verlegen und als Torwandschießen abhandeln können, nach dem Motto: Ein Brett vor den Kopf, zwei Löcher hineingesägt und die Kandidaten bekennen Farbe – und wer öfter trifft, ist dann Kanzler.

Kann Steinbrück Fußball?

Anne Will hat ihm in ihrer Politsendung „Wieviel Klartext verträgt Deutschland?“ knallhart auf den Zahn gefühlt. Ergebnis: über seine Sympathien für Mönchengladbach („Meine Borussia“) hinaus hatte er auch schon einen BVB-Schal und einen Schalke-Schal um den Hals, er könnte sich beim Westfalenderby also jederzeit neben sich selbst setzen. Aber für manchen Fußballfan ist SchwarzGelb und Blau natürlich schlimmer als die Todsünde der Bigamie, und weil er kein Cowboy sein will, der mit einem Hintern zwei Pferde reitet, wurde Steinbrück in besagter Sendung kurz zornig und legte mit entgleisten Gesichtszügen Wert auf die Feststellung, das Foto mit dem Schalke-Trikot sei schon etliche Jahre alt – er selbst sah in dem Moment allerdings auch nicht jung aus.

Steinbrück und das Hoeneß-Ding

Umso günstiger hat sich das Hoeneß-Ding entwickelt. Diesbezüglich, ahnen Volksforscher, könnte der SPD-Kandidat gepunktet haben. Das ging los, als Steinbrück schon vor Wochen vehement verlangte, der Bayernboss solle sein Amt als Aufsichtsratschef „mindestens ruhen lassen“. Doch das Tüpfelchen aufs i beim Austausch der politischen Argumente war dann diese bunte Merkel-Hoeneß-Postkarte, die der Erfinder Staeck vollends zur Blüte brachte mit dem zündenden Satz, er halte es für eine „Geschmacklosigkeit, dass die Kanzlerin vor einem Millionenpublikum so demonstrativ einem Steuerhinterzieher die Hand reicht. Das ist eine symbolische Geste gewesen und kein Zufall.“

Vor dem Hintergrund dieser verschwörerischen Andeutungen grübelt seither so mancher mündige Wähler und kratzt sich den Kopf: War die Kanzlerin womöglich heimlich beim Hoeneß daheim am Tegernsee, um ihm nach seiner Selbstanzeige tröstend die Hand zu schütteln? Unterhalten die Zwei gar ein gemeinsames, noch unentdecktes Konto am Zürichsee? Jedenfalls war auf Linksaußen die SPD-Generalsekretärin Nahles spontan begeistert von der Juso-Idee, das Flugblatt bei einem Spiel im Dortmunder Stadion zu verteilen. Reinhard Rauball, der Chef der Deutschen Fußball-Liga, war dann aber dagegen, selbst als SPD-Mitglied sagte er leise igittigitt – aber er hat natürlich leicht reden, er will nicht Kanzler werden.

Steinbrück schon. Deshalb hat der als Schiedsrichter den massiven feindlichen Druck der CDU („Pfeifen Sie dieses schmutzige Spiel ab!“) als überflüssiges und leicht durchschaubares Wahlkampfgetöse abgetan und es den pingeligen Empörten auf der anderen Seite des Schützengrabens geschwind besorgt, diesen langsamen Denkern, die einfach nicht kapieren wollen, was so eine Postkartenaktion mit Hoeneß und Merkel ist – nämlich, so Steinbrück auf seiner Facebookseite: „Politische Satire“.

Das saß. Endlich, freuten sich seine Anhänger. Endlich legt unser Peer das Schachbrett zur Seite, schraubt sich die spitzen Stollen an die Kickstiefel und tritt im Wahlkampf wie früher „Acker“ gegen alles Runde.