Berlin - Vor Jahr und Tag, als Gerhard Schröder in Berlin regierte und ich an einem Buch über den bundespolitisch noch taufrischen Kohl-Nachfolger schrieb, fragte ich auch bei seinem Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier nach. Es wurde eines der anstrengendsten Interviews meines Journalistenlebens. Nicht dass mein Partner unfreundlich gewesen wäre, nicht, dass es ihm an Kenntnissen gefehlt hätte, nicht, dass er keine Auskunft geben wollte. Nein, er mühte sich redlich und konnte es einfach nicht.
Da sprudelte nichts. Seiner herausragenden Karriere zum Trotz ist er in gewisser Weise geblieben, was er zu Beginn war – ein etwas trockener Beamter. In dieser Funktion hat er Vorzügliches geleistet. Er stellte Gerhard Schröders Führung auf ein solides organisatorisches Fundament, räumte den Chaosladen auf, den ihm der Vorgänger Bodo Hombach im Kanzleramt hinterlassen hatte. Auch als Außenminister überzeugte er mit seiner ruhigen Art. Seine Temperamentlosigkeit wirkte wohltuend nach Joschka Fischers Selbstdarstellungskünsten. Ein verlässlicher Vertreter der Bundesrepublik, so kam er rüber. Doch er ist kein geborener Politiker, scheiterte auch als Kanzlerkandidat. Ihm fehlt nun mal eine gewisse Lebendigkeit, das Zupackende, Charisma.
Allerdings waren auch nicht alle seine Vorgänger im höchsten Amt des Staates glanzvolle Besetzungen. Nach dem bedeutenden Auftakt mit Theodor Heuss, dem hochgebildeten Literaten und humorvollen schwäbischen Liberalen, wurde der blasse Heinrich Lübke als beschämende Fehlbesetzung empfunden. Und dies erst recht, nachdem ihm ein infantiles N-Wort während eines Afrika-Besuches angedichtet wurde. Von Walter Scheel, der zuvor ein tüchtiger Außenminister gewesen war und dem im neuen Amt ein gewiefter Redenschreiber zur Seite stand, ist vor allem der Gesang „Hoch auf dem gelben Wagen“ im nationalen Gedächtnis geblieben. Karl Carstens, der Wanderer, gab sich auf CDU-Seite nicht weniger spröde als heutzutage der Sozialdemokrat Steinmeier.
Roman Herzog, immerhin, hielt eine Ruck-Rede, die man ihm jedoch bei jeder Gelegenheit, gleichsam als misslungenen Bedeutungsaufschrei, um die Ohren haute. Johannes Rau hatte seine besten Zeiten schon hinter sich, als er Bundespräsident wurde. Und soll man vielleicht an Horst Köhler denken, der sich vom Acker machte, weil ihm ein paar kritische Kommentare aufs Gemüt schlugen? Oder wollen wir noch an den armen Christian Wulff denken, der in die Venusfalle getappt war und sich – vermutlich bis jetzt – nicht daraus zu befreien vermochte? Was für ein Bild des erotischen Jammers!
Nur Richard von Weizsäcker, schon im Schloss geboren – dem Stuttgarter zumal – fügte sich wie maßgeschneidert in das Amt des Staatsoberhaupts ein und erreichte wieder Heuss-Niveau, wenn auch vermischt mit einem Schuss Adelshochmut. Seine Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, die er zu Recht eine Befreiung nannte, setzte jedoch einen hoch aufragenden Markstein für die Erinnerungskultur in Deutschland. Und dies mit einer unter nationalsozialistischen Gesichtspunkten keineswegs lupenreinen Familiengeschichte im Hintergrund. Da hielten die Leute die Luft an. Aber natürlich war Richard von Weizsäcker – auch aus solchen Familiengründen – ein Mann von gestern, nein, von vorgestern. Erst Joachim Gauck, der Rostocker Pastor und Bürgerrechtler, stand für das neue, das wiedervereinigte Deutschland, ein Präsident mit Begabung für Empathie und Begegnung, ein Bewegter und in besonderem Maße auch ein Beredter.
Joachim Gauck als moderner Präsident
Von Gauck gibt es Sätze, die haften blieben, etwa der aus dem Flüchtlingsjahr 2015, dass unsere Herzen „weit“, die Möglichkeiten aber „endlich“ seien. Von Steinmeier gibt es solche Sätze nicht. Dafür meldet er sich bisweilen in den Niederungen der Alltagspolitik zu Wort, wo Abgeordnete, Wahlkämpfer oder Funktionäre der Parteien das Sagen haben. Das zeigte sich zum Beispiel in seiner auf Facebook in die Welt geschleuderten Begeisterung für die verfassungsrechtlich schillernde Band Feine Sahne Fischfilet, die gegen Rechtsradikale in Chemnitz ansang. Jetzt ist es wieder geschehen, als Steinmeier die korrupten Maskenvermittler im Bundestag „schäbig“ und „schändlich“ nannte, was sie natürlich sind. Aber dass sich der aus der SPD kommende Bundespräsident kurz vor Wahlen verächtlich über Volksvertreter der Union äußert, hat nicht nur ein Gschmäckle. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes unter seiner Würde – der Würde eines über den Parteien stehenden Präsidenten.
Frank-Walter Steinmeier ist ein sympathischer Mann. Und doch ist es, als habe der Name auf seine Haltung eingewirkt. Da steht er, wenn er seine Ansprachen hält, fast unbewegt, mit zementierter Mine, klappt nur die Arme aus und wieder ein, aus und ein. Mich lässt seine Erscheinung bei diesen Auftritten an den Komtur, den steinernen Gast, aus Mozarts Don Giovanni denken, und ich möchte ihm zu rufen: lass locker, Frank-Walter, lächle, lache ein bisschen und bleib bei deinen Leisten!