Kolumne von Sibylle Krause-Burger Generation Moral

In jüngeren Jahren liebäugelte er mit dem Staatsmonopolkapitalismus: SPD-Möchtegernchef und Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Foto: dpa

Es ist nicht hilfreich, reumütige politische Sünder wegen ihrer Vergangenheit anzugreifen, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Gibt es irgendeinen Menschen, der keine Jugendsünde begangen hat? Der nichts bereut? Dessen Leben von Anfang an über alle Stürme hinweg in makelloser politischer Reinheit verlaufen ist? Unter den Jüngeren, sagen wir von 55 an abwärts, scheint das der Fall zu sein. Zurzeit wimmelt es nur so von Moralrittern und politisch keuschen Burgfrauen. Je jünger, desto reiner geben sie sich. Dem Rest der Gesellschaft bedeuten sie, was man essen darf, wie man sich fortbewegen soll und was sich über Flüchtlinge und andere Minderheiten zu sagen gehört und was nicht. Die Generation Moral beherrscht den öffentlichen Diskurs.

 

Ein Stück weit ist das normal. In der Jugend, im Vollbesitz von Kraft und Fantasie, von Hoffnung und Hormonen neigt der Mensch zum Überschwang. Da will man die Welt verbessern und hat die Wahrheit gepachtet. Die Ansprüche sind hoch. Noch fehlt es jedoch an Erfahrung und am Gespür für die Zwänge der Wirklichkeit. Wer mit 20 kein Kommunist sei, habe kein Herz, wer es mit 40 immer noch sei, keinen Verstand, so lautet eine Weisheit, die fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben wird. Sie ist aber älter: Das war eben immer so, und schöne Beispiele aus der deutschen Politik belegen es.

Erst Straßenkampf, dann Außenamt

Der kreuzbrave und bieder-bürgerliche Winfried Kretschmann, Baden-Württembergs geliebter Herr, gehörte zu einer maoistisch-kommunistischen Hochschulgruppe und hatte wegen des Radikalenerlasses Schwierigkeiten, im Beruf des Lehrers an den Start zu gehen. Olaf Scholz, Vizekanzler und Bundesfinanzminister, der sich heute als ausgemachter Pragmatiker um den SPD-Vorsitz bewirbt, stand dem Stamokap-Flügel der Jusos nahe. Von Joschka Fischer, der es bis zum Außenminister brachte, wissen wir, dass er in seiner Jugend Steine auf Polizisten warf.

Jürgen Trittin, einst Mitglied einer K-Gruppe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, bewährte sich später als Minister in Niedersachsen und im Bund. Und der ehemalige Kommunist Herbert Wehner betrieb die Trennung der SPD vom Marxismus, um sie danach in Regierungsverantwortung zusammen mit der Union zu führen.

Man muss den Menschen zubilligen, dass sie ihre Meinung ändern, Irrtümer einsehen, sich bewegen, dass sie von radikalen Positionen in die demokratische Mitte finden – sei es von links außen, sei es von rechts außen. Anders hätten die Grünen, als Anti-Parteien-Partei gegründet, dem Kanzler Gerhard Schröder nicht sieben Regierungsjahre zur Seite stehen können. Anders würden sie jetzt nicht erneut nach der Macht lechzen. Und anders wäre die Rückkehr der Deutschen nach 1945 in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker unmöglich gewesen.

Intoleranz gehört zum Jungsein

Die demokratische Bundesrepublik hat damals ihre Bürger überzeugt – auch weil der Zusammenbruch des Dritten Reichs total war und es danach wirtschaftlich aufwärtsging. Dabei musste jedoch viel verziehen werden, und manch einer der Täter kam ungeschoren davon. Die bis heute gepflegte Kultur des Erinnerns tat ein Übriges, das politische Bewusstsein in Deutschland dem Wahn zu entwöhnen. Die Generation Moral aber, die nicht erlitten hat, wie schwer es ist, in einer totalitären Diktatur zu überleben, gibt sich unerbittlicher. Sie will nicht verzeihen. Ihre Aktivisten blockieren dieser Tage die Vorlesung des Wirtschaftsprofessors und AfD-Mitbegründers Bernd Lucke. Sie denunzieren ihn, der die Partei längst verlassen hat, als Nazi, nehmen ihn in Geiselhaft für den Radikalinski Björn Höcke und wissen offenbar gar nicht, dass die AfD ursprünglich als Anti-Europa-Partei gedacht war.

Noch unverständlicher und moralingesäuerter erscheint es, den über jeden Zweifel erhabenen Ex-Minister Thomas de Maizière daran zu hindern, im Göttinger Rathaus aus seinem neuen Buch zu lesen. In schöner Eintracht mit Jüngern von Fridays for Future werfen diese Erregten ihm vor, als Innenminister am Flüchtlingsdeal mit der schändlichen Türkei beteiligt gewesen zu sein. Müsste man da nicht gleich das Kanzleramt besetzen und die ganze Regierung lahmlegen?

Rückwege müssen offen bleiben

So weit wird es nicht kommen. Zwar gehört die Intoleranz zum Jungsein. Im Moment nimmt sie aber zu und wird aggressiver, auch als Reaktion auf die Erfolge der AfD, wobei sich die Extreme gegenseitig hochschaukeln. Doch wenn wir Glück haben, werden auch die meisten dieser jungen Leute irgendwann ruhiger, wie einstmals Jürgen Trittin und Joschka Fischer. Vielleicht werden sie auch demokratischer, wie so viele Nachkriegsdeutsche oder wie der legendäre Günter Schabowski, der die Mauer zum Einsturz brachte und als Einziger unter den SED-Bonzen seine Mitschuld am Schießbefehl eingestand.

Solche Rückwege müssen ungerügt offen bleiben. Das gilt nicht zuletzt für die Betreiber und Wähler der AfD. Sonst kriegen wir sie nicht klein. Jeder, der politisch vom Wege abgekommen ist und keine Straftat begangen hat, muss sagen können: Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an? Darauf berief sich schon Konrad Adenauer. Oder war es Gebhard Müller? Vielleicht Reinhold Maier? Womöglich doch ein alter Grieche . . . ?

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