Stuttgart - Der Naziideologie zufolge bin ich ein Mischling ersten Grades. Ich hatte eine jüdische Mutter und einen „arischen“ Vater. Dies nur vorweg, damit niemand beim Lesen der folgenden Zeilen auf die Idee kommt, mich in eine rechte Ecke zu katapultieren. Ich bin nicht rechts, ich bin nicht links, ich bin eine schwäbische Liberale. Allerdings nicht im engen parteipolitischen Sinne, sondern der Grundhaltung nach, also reichlich ausgestattet mit Abscheu gegenüber Ideologien jeglicher Art, die den Menschen vorschreiben, was sie zu denken und zu tun haben, ihre Vernunft behindern, die Freiheit zerstören, in politische Sackgassen führen.
Welcher Herrscher war schon makellos?
Insofern wohnen keine zwei Seelen in meiner Brust, wenn ich in diesen Tagen alarmiert auf meine alte Alma Mater, die Eberhard Karls Universität zu Tübingen am Neckar schaue. Ein Bildersturm, wie man ihn auch schon in Greifswald erlebte, tobt derzeit über die ehrwürdige Institution hinweg. Studenten wollen den Jahrhunderte alten Namen tilgen, weil der Gründervater, Graf Eberhard im Barte, Württembergs geliebter Herr, ein Antisemit war und der Herzog Karl Eugen ein schlimmer Despot – wie wir nicht zuletzt von Friedrich Schiller wissen. Hinweg also mit diesen Namen. Beide Herrscher waren nicht „makellos“, wie ein Universitätspapier verkündet. Aber wer ist das schon? Und erst recht, wer war es?
Deshalb wird es in unserer Kulturlandschaft bald ziemlich kahl aussehen, wenn sich die junge Weltverbesserungsgeneration von 2021 weiter erfolgreich mit dem Moralbagger durch die Geschichte gräbt. Da bleiben uns nur noch Brachen und Ruinen wie an dem afghanischen Felsen, wo einst die riesenhaften Buddha-Statuen standen, bevor die Taliban sie in ihrem Glaubensfuror in die Luft sprengten. Deshalb bricht meine jüdische Hälfte keineswegs in Jubel aus, wenn am Ende des Tübinger Verfahrens die geschätzte Hohe Schule nur noch ganz entkleidet Universität Tübingen heißen sollte. Vielmehr wittern meine beiden Hälften, die jüdische wie die arische, in schöner Eintracht und zutiefst besorgt einen Anflug von Totalität.
Eine eitle Anmaßung in paar verwöhnter Greenhorns
Den Betreibern dieser wie anderer Säuberungsaktionen fällt das nicht auf. Sie sind ja die Makellosen, die politischen Jungfrauen, die sich nun mal nicht mit den Sünden uralter weißer Männer beflecken oder gar in einem Haus studieren wollen, das so böse Namen trägt. Ihre Berührungsangst sei zeitgemäß, behaupten sie. Ich aber sehe nur eine ungeheuer eitle Anmaßung, sehe ein paar verwöhnte Greenhorns, die sich – geradeso als ob der geliebte Graf Eberhard Anno 1477 nicht nur den Grundstein für die Tübinger Universität, sondern auch für Auschwitz gelegt habe – die Leiden anderer Generationen und anderer Menschen anverwandeln, um die eigene Identität zu stärken. Seht her, wir sind die wahrhaft Tugendhaften, wir sind keine Antisemiten, keine Rassisten, wir sind makellos. Uns gebührt die Macht.
Die Tugendhaften haben viel Unheil angerichtet
Solche Leute haben schon viel Unheil angerichtet in der Geschichte. Wer immer den Zugriff auf die eine und einzige Wahrheit zu besitzen glaubt, der kann nicht tolerant sein. Weshalb uns auch im Wahnwitz dieses Kulturkampfs die geballte Unduldsamkeit entgegentritt. Das sind Zeloten und Sektierer. Es macht sie nicht harmloser, nur weil sie vorgeben, gegen Antisemitismus aufzutreten. Sie nehmen der Gesellschaft die Luft zum Atmen. In Tübingen sind es vorweg Studenten, die für ihre Kohorte aufzutrumpfen versuchen. So etwas gibt sich meistens mit dem Älterwerden. Bedenklich ist, dass die reiferen Jahrgänge sich nicht mehr trauen, dagegen zu halten, dass sie diesen Zirkus mit umtreiben, anstatt dem Spuk energisch ein Ende zu bereiten.
Dahinter steckt natürlich die Angst, der Karriere zu schaden. Man könnte ja nicht mehr dazugehören. Wer will sich das antun? Doch was bringt es, Institutionen umzubenennen? Verschwindet der moderne Antisemitismus, wenn wir die Namen von historisch bedeutsamen Männern mitsamt ihren judenfeindlichen Schriften in die Tonne treten? Ich fürchte, das geht den rechten wie den linken und besonders den muslimischen Antisemiten am Allerwertesten vorbei.
Und was machen wir jetzt mit Martin Luther?
Vor allem aber: was machen wir mit Martin Luther, unserem urdeutschen Universalgenie, dem Bibelübersetzer, Dichter, Komponisten, Rhetor, erstem Aufklärer, Begründer des Hochdeutschen, wirkmächtigen Reformator? Kommt er für die kleingeistigen Ausputzer wegen seiner judenfeindlichen Schriften auch auf den Müllhaufen der Geschichte? Müssen wir dann nicht seine Schöpfung, den ganzen Protestantismus, noch obendrauf schmeißen? Und wie kann es angehen, den Namen Graf Eberhards zu streichen, den Martin Luthers hingegen der Universität Halle-Wittenberg gnädig zu belassen?
Was soll auch mit den Namen der zahllosen Martin-Luther-Schulen und Martin-Luther-Straßen in unserem Land geschehen? Da werden doch, im Falle des Falles, viele Leerstellen klaffen. Also macht euch schon mal auf den Weg, ihr Teufelsaustreiber, es wird nicht leicht, ausreichend Makellose zu finden.