Das Interview von Marietta Slomka mit Sigmar Gabriel sorgt immer noch für Diskussionen. StZ-Kolumnistin Sibylle Krause-Burger meint, dass sich nicht die Journalistin im Ton vergriffen hat, sondern der SPD-Chef.

Stuttgart - Asche auf mein Haupt. Auch ich habe schon à la Slomka gesündigt, habe sehr kritische Fragen gestellt und einen Politiker damit auf die Palme gebracht. Das geschah noch in den alten Bonner Zeiten, als Helmut Kohl Kanzler war und die CDU mit der FDP regierte. Dazumal saß ein Liberaler aus Baden-Württemberg namens Martin Bangemann auf dem Stuhl des Bundeswirtschaftsministers. Mit ihm sollte ich für das Fernsehen ein 45-Minuten-Gespräch führen. Aber schon bei Frage fünf platzte dem Mann der Kragen. „Madame, das Interview ist beendet“, polterte er los, riss sich das Mikrofon vom Revers, stürmte aus dem Raum und ward nicht mehr gesehen.

 

Zwischen dieser Szene und dem kurzen Disput der ZDF-Frau mit dem SPD-Vorsitzenden liegen Jahre. Doch es gibt Verwandtschaften. In beiden Fällen trugen die Umstände zum Misslingen des Vorhabens bei. Im Bonner Wirtschaftsministerium war der Chef aufgehalten worden, er kam zu spät. Außerdem hatte das Fernsehteam Probleme mit der Technik. Es zog sich, bis das Gespräch beginnen konnte. Mein Interviewpartner bebte bereits sichtbar, bevor sich die Scheinwerfer auf ihn richteten. Auch war er, genau wie Sigmar Gabriel, ein Mann vom Typ des allzu wohlbeleibten Sensibelchens. Diese Leute geraten schnell aus dem Häuschen.

Auf der anderen Seite hatte ich zu bedenken, dass das Interview spätabends gesendet werden sollte und nicht mit schmeichelnden und einlullenden Fragen beginnen konnte. Ein kleiner Knaller würde die Zuschauer sicher wachhalten. Ich ließ es also tatsächlich ein bisschen krachen und begann mit dem Rückblick auf einen früheren Fehler des Ministers. Bangemann wich aus. Ich hakte nach. So kam es zum Eklat.

Das wäre Mutti Merkel nie passiert

An dem mittlerweile viel diskutierten und viel kritisierten ZDF-Abend braute sich Ähnliches zusammen. Sigmar Gabriel war bereits genervt von dem Kampf um die Zustimmung seiner Genossen zur ungeliebten großen Koalition. Gerade hatte er wieder so einen unerfreulichen Auftritt hinter sich. Und ausgerechnet in diesem Moment fährt ihm die eisesschöne Greta Garbo vom Zweiten Deutschen Fernsehen in die Parade und sieht alles besser. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Da war’s um ihn geschehen.

So weit, so nachvollziehbar. Jawohl, die Slomka hat hartnäckig gefragt und nachgefragt, ob der Mitgliederentscheid denn mit der repräsentativen Demokratie vereinbar sei. Sie blieb bei der Sache. Der gute Gabriel aber ist ausgerastet, hat „Quatsch“ und „Blödsinn“ vom Bildschirm in ein Millionenpublikum hineintrompetet, hat die Nachrichtenfrau beleidigt. Das wäre Mutti Merkel, der Königin im Reich der Gelassenen, nie passiert. Und wenn der große Vorsitzende der SPD dereinst im Jahre 2017 ein noch viel größerer Vorsitzender, nämlich Bundeskanzler, werden will, dann muss er lernen, sich auch in schwierigen Situationen im Griff zu behalten.

Jetzt aber stehen ein paar Leute Kopf – nicht weil Sigmar Gabriel Nerven gezeigt hat, sondern weil eine Journalistin ihn kritisch angegangen ist. Auf „Spiegel-Online“ giftet der Salonlinke Jakob Augstein mit einem Wort von Lessing, Marietta Slomka habe „Aufkläricht“, nicht Aufklärung geboten. Am anderen Ende des politischen Spektrums – viel Feind, viel Ehr – tut sich ausgerechnet der Seehofer-Horstl hervor, schreibt Beschwerdebriefe über mangelnden Qualitätsjournalismus an den ZDF-Intendanten, obwohl es ihn selbst doch gar nicht getroffen hat, sondern einen, der bis vorgestern sein politischer Gegner war. Und nun trinken sie schon Brüderschaft? Offenbar drückt den überraschungsstarken Bajuwaren ein Überschuss an Nachwahlkraft. Da kommt ihm die Siggi-Slomka-Sause gerade wie geschliffen, um aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und sich als selbst ernannter Chefankläger der bedauernswerten Politikerkaste noch ein bisschen mehr aufzublasen. Oder will er sich womöglich rächen für die Unbilden aus der Zeit, als er zwischen zwei Frauen schwankte?

Marietta Slomka hat notwendige Fragen gestellt

Denn es ist schon wahr, dass manche Medienmenschen mit den Politikmenschen reichlich gnadenlos umgehen und um der Sensation willen bisweilen Grenzen überschreiten. Das ist schlimmer geworden, seit sich der Betrieb von Bonn nach Berlin verlagert und dort in erschreckender Weise vervielfacht und verflacht hat. Doch niemand wird gezwungen, in die Politik zu gehen. Und wer dort aufsteigt, muss mit kritischen Fragen rechnen. Die kann man ja auch als Trittbett nutzen, um den eigenen Standpunkt klarzumachen.

Ganz abgesehen davon, dass es schwieriger ist, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Marietta Slomka hat sich nicht im Ton vergriffen. Sie hat notwendige Fragen gestellt. Nicht zuletzt die gegenwärtige Ohnmacht des neu gewählten Parlaments, ja sogar eine Totalblockade der bundesdeutschen Politik geben ihr recht. Wie gebannt starrt die Republik seit Wochen nur noch auf die basisdemokratischen Kniebeugen der SPD. Zwar sind diese inzwischen vom Verfassungsgericht für zulässig erklärt, aber nur weil sie dem Grundgesetz nicht ausdrücklich widersprechen, müssen sie noch lange nicht segensreich sein.