Kolumne von Sibylle Krause-Burger Mephisto ist auch unter den Gottgesandten

Von Sibylle Krause-Burger 

Markus Söder hält ein Kreuz in Händen. Das Kreuz steht ebenso für die Schwäche von Kirchenfürsten wie für Folter und Mord in der Welt.

Markus Söders Kreuzzug gilt der lieben, guten Christlichen Union, so unsere Kolumnistin. Foto: dpa
Markus Söders Kreuzzug gilt der lieben, guten Christlichen Union, so unsere Kolumnistin. Foto: dpa

Stuttgart - Markus Söder, Ministerpräsident im schönen Bayernland, verkleidet sich gern. Ja mehr, bekanntlich ist er sogar ein richtiger Maskenfreak. An Fasching hat man ihn schon in den apartesten Rollen gesehen: als König Ludwig, als Mahatma Gandhi, als Edmund Stoiber oder auch als Marilyn Monroe.

Dieses Mal jedoch, in der Zeit vor den bayerischen Landtagswahlen, kommt er einfach nur als gestandenes Mannsbild daher. Ein etwas ungeschlachtes Kreuz hält er in den Händen - eines von den vielen, die nun in den Eingangsbereichen bayerischer Ämter an die Wand sollen. Und wie er das grobe Holz für die Fotografen mit einer fast zierlichen Geste hoch hält, wie er dabei sehr eindringlich schaut, auch ein winziges Mona-Lisa-Lächeln aufsetzt, da blitzt doch noch etwas ganz anderes aus dieser Idylle. Für eine Sekunde ist man irritiert: ist das wirklich Bayerns Mächtigster oder nicht doch Mephisto, der Herr der Finsternis, der ganz wo anders das Zepter schwingt?

Ja, das ist er natürlich auch. Denn Markus Söders Kreuzzug, wie jedermann weiß, gilt nicht dem armen Jesus von Nazareth, sondern der lieben, guten Christlichen Union, die bitte, bitte im kommenden bayerischen Herbst mehr als fünfzig Prozent der Wählerstimmen einsammeln soll. Das Kreuz wirbt also für Bayern, weil Bayern seit Alters her so ein kreuzbraves Land ist. An fast jeder Weggabelung steht dort ein Kruzifix. Also kann man das aufs schiere Holz verdichtete Symbol für das Opfer unseres Heilands auch in den Vorhallen der Behörden aufhängen. Geht ja eh jeder dran vorbei ohne hinzuschauen oder sich davor auf den Boden zu werfen und an Golgatha zu denken. Was gibt es da also zu kritteln und zu kritisieren? Auch in den bayerischen Klassenzimmern hängen nach wie vor die Kreuze.

Die Botschaft heißt folglich: mit der CSU bleibt Bayern bayerisch

Aber natürlich haben unsere Kirchenoberen – der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der katholische Kardinal Reinhard Marx – mit ihrem Vorwurf recht, der Markus Söder missbrauche ein christliches Symbol zu Zwecken der politischen Reklame. Man kann auch sagen, er benutzt es, um die Bayern im Gefühl ihrer Identität zu stärken, weil sie, wie viele andere Deutsche auch, zur Zeit nicht mehr so richtig wissen, wer sie eigentlich sind, wer sie sein dürfen und sein sollen. Die Botschaft heißt folglich: mit der CSU bleibt Bayern bayerisch. Punkt.

Das ist ein Versprechen, mehr nicht. Ob es gehalten werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Das mag man blasphemisch, geschmacklos oder rechtswidrig finden. Ein Grund zur Aufregung für die Kirchenherren, deren Religion ja gleichzeitig mit der CSU beworben wird, ist es sicherlich nicht. Denn so durchsichtig das Manöver des Markus Söder ist, so sonderbar müssen die Gedanken und Äußerungen dieser Spitzenpriester zur Order des bayerischen Ministerpräsidenten anmuten.

Der Markus Söder hingegen, so der Vorwurf, spalte die Gesellschaft

Sah man sie nicht alle beide im Jahre des Herrn 2016 auf dem Tempelberg zu Jerusalem, wo sie einen Besuch in den muslimisch verwalteten Gefilden abstatteten? Und taten sie daselbst nicht etwas Unbegreifliches? Nahmen sie nicht in vorauseilendem Gehorsam und feiger Unterwerfung den Kettenschmuck mit dem Kreuz ab, den sie sonst immer – zum Zeichen, wer sie sind und woran sie glauben – auf ihrer hehren Männerbrust tragen? Doch, genau das taten diese hochmögenden Vertreter des christlichen Abendlandes. Ausgerechnet in Jerusalem, wo Jesus Christus am Kreuz hing, gaben sie das Symbol ihres Glaubens an der Türschwelle zu den Heiligtümern eines anderen Glaubens ab. Wer soll das verstehen? Nicht eines, nein, drei Kreuze hätten sie sich umhängen müssen!

Und wer soll auf diesem Hintergrund begreifen, dass diese beiden sich nun über den Beelzebub Söder erregen, der das Kreuz, das sie in Jerusalem klammheimlich haben verschwinden lassen, künftig vielerorts in Behördeneingängen an den Wänden sehen will? Nachdem sie ihren Glauben so schmählich verleugnet haben, soll es jetzt wieder ganz und ausschließlich ihr Kreuz sein. Der Markus Söder hingegen, so der Vorwurf, spalte die Gesellschaft und habe einfach nicht verstanden, was das Zeichen beinhalte und mitteile. Aber haben diese Frommen denn verstanden, dass es auch und vor allem zum Bekennermut auffordert?

Deshalb hüte sich, wer gegen mächtige Eiferer aufmuckt

Für diesen Mut ist der missionarische und charismatische Jude Jesus von Nazareth doch hingerichtet worden. Das zumindest ist die Erzählung, die im Bewusstsein aller haftet, die – ob gläubig oder nicht – mit dem Christentum aufgewachsen sind. Insofern vermittelt das Kreuz als symbolisch verdichtetes Kruzifix auch eine sehr weltliche und stets aktuelle Mahnung. Der unvorstellbar grausame Tod, den dieser junge Mann vor zweitausend Jahren erleiden musste, erinnert uns daran, was Menschen anderen Menschen um eines religiösen oder politischen Glaubens willen antun können. Wir sind nun mal eine rechthaberische, hochfahrende, sadistische und mörderische Gattung. Deshalb hüte sich, wer gegen mächtige Eiferer aufmuckt, wo es am Schutz demokratischer Institutionen fehlt. So gesehen kann man gar nicht genug Kreuze an die Wände hängen.