Kolumne von Sibylle Krause-Burger Schon wieder herrscht eine Ideologie

Für die Kolumnistin gibt es zu viel Political Correctness in Deutschland. Foto: dpa/Franz-Peter Tschauner

Zu viel Political Correctness und Tugendterror nimmt unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger in der westlichen Demokratie wahr – und sieht darin eine Gefahr.

Berlin - Das waren schlimme Zeiten. Damals nach dem Krieg, als es um das nackte Überleben ging. Nichts als Mangel, wohin der Mensch auch blickte. Eine Tasse Bohnenkaffee? Davon träumten die Leute nur. Eine Schachtel Zigaretten? Dafür musste Muttern ein Erbstück eintauschen. Ein Glas Bienenhonig? Das schickten Verwandte aus dem fernen Ausland.

 

Die Lastwagen, die raren, fuhren mit Holzvergasern statt mit Benzin. In den Wohnungen, die sich die Einheimischen mit Flüchtlingsfamilien teilten, tobte der Kampf um Küche und Klo. Im Winter quälte nasse Eiseskälte die Zehen im einzigen Paar Lederstiefel. Die Deutschen hatten mit Alltagsfragen zu tun. Das änderte sich ein bisschen mit der Währungsreform. Plötzlich kehrten die schönsten Verbrauchsgüter wie von Geisterhand bewegt in die Schaufenster zurück.

Nach dem Krieg war Ideologie nicht mehr gefragt

Aber noch war das Land nicht wieder aufgebaut. Es lag brach in jeder Hinsicht. Auch der moralischen. So stand das Praktische im Vordergrund.

Die Zeit der Ideologie schien vorbei und ein für alle Mal diskreditiert. Zumindest im deutschen Westen. Von Weltanschauungen hatte man hier die Nase voll.

Die Lehre der Nazis von der Überlegenheit einer Herrenrasse und den mörderischen Ansprüchen, die sich daraus ergaben, schien von der Geschichte erledigt. Offiziell zumindest. Was in den Köpfen davon noch herumwaberte, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso dass nicht alle, die jetzt mitregierten, nationalsozialistisch unbelastet waren. Doch zu tief war Deutschland gefallen. In nur zwölf Jahren hatte es alle seine materiellen und geistigen Errungenschaften auf immer und ewig befleckt. Folglich gab es unendlich viel zu tun, um aus diesem Dreck in die zivilisierte Welt zurückzugelangen.

Soziale Marktwirtschaft garantierte Wohlstand

Dafür bedurfte es keiner Ideologie, keiner großen Theorien. Sinnvolle Taten waren gefragt, die Verabschiedung des Grundgesetzes etwa, das die Lehren aus den Schwächen der Weimarer Verfassung zog, die Adolf Hitler möglich gemacht hatten. Es bot den Rahmen für stabile politische Verhältnisse, für eine funktionierende Demokratie, für Rechtsstaatlichkeit. Die soziale Marktwirtschaft und die Mitbestimmung gesellten sich dazu und bescherten dem Land einen stetig wachsenden Wohlstand und Wohlbefinden.

Dann, kaum mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende, brach die Studentenrevolte in diese Idylle ein. Ein neues Zeitalter der Ideologie begann. Unverhofft galt es wieder an etwas zu glauben, zu diskutieren, zu theoretisieren. Die Vorwurfsgeneration trat auf den Plan und blies nicht nur den Muff von tausend Jahren aus den Talaren. Sie denunzierte auch die Bundesrepublik als faschistischen Staat. Ihr pseudomoralischer Impuls wirkt bis heute nach. Das bürgerliche Leben scheint seither grau und nicht unbedingt erstrebenswert.

Die 68er verkannten die Wirklichkeit

Wie alle jungen Leute in jenem Aufruhr genoss auch ich die neue Freiheit für Liebe und Lebensart. Aber die Bundesrepublik ein faschistischer Staat, den man bekämpfen müsse? Das schien mir immer eine völlige Verkennung der Wirklichkeit. Und „Gewalt in den Strukturen“? Die konnte ich nie entdecken. Doch diese Behauptung sollte die Gewalt gegen Sachen, etwa gegen „Strommasten“, befördern.

Und dabei blieb es bekanntlich nicht. Die RAF, der mörderische Ableger der Studentenbewegung, hinterließ am Ende 33 Tote. So ist das mit den Ideologien. Nach Karl Marx werden sie erfunden, um eine Herrschaft zu rechtfertigen. Sie stützen aber auch das Streben nach Macht oder das Austoben von Gewalt. Wer einer Ideologie anhängt – sei sie rechts oder links oder religiös begründet – fühlt sich im Besitz der Wahrheit und will sein vorgeblich hochmoralisches Weltbild verwirklicht sehen. Komme was da wolle.

Political Correctness steht der Freiheit im Wege

Deshalb sind all diese Ismen verdächtig. Und deshalb steht auch die in den westlichen Gesellschaften gerade grassierende übertriebene Political Correctness der Freiheit im Wege. Wer sich diesem Comment nicht rückhaltlos unterordnet, wird zwar nicht erschossen, erleidet unter Umständen aber den sozialen Tod, wird ausgesondert, als rechts denunziert, nicht gedruckt.

Wehe, du benutzt das N-Wort, und sei es wie Boris Palmer mit Aufklärungsabsicht im Zitat! Zur Strafe soll er seine Partei verlassen. Wehe, der kreuzbrave Ex-Minister Thomas de Maizière will aus seinen Erinnerungen vorlesen! Studenten hindern ihn daran. Wehe, die Dresdner Kunstsammlung belässt einer schwarzen Figur den M-Namen!

Das geht gar nicht. Wehe, du greifst Probleme der Migration auf! Pfui, das tut man nicht. Angela Merkel hängt ein Nolde-Bild in ihrem Büro ab, weil der verfolgte Maler trotz allem ein Nazi war.

Alles muss rein sein, moralneutral, alle Kunst, alle Politik, alle Verwaltung, alle Sprache, alle Veröffentlichungen, alle Straßennamen, alle Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Hilf Himmel, wem dieser Tugendterror nicht den Hals zuschnürt! Die Welt hat ganz andere Sorgen.

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