Garten, Park, Fußballrasen – Gras ist irgendwie inspirierend, wenn man drauf schaut beim Schreiben. Unser Kolumnist Mirko Weber hat es gerne grün. Fehlt nur noch ein Arbeitsplatz im Freien.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

München - Unlängst bin ich noch mal hinten drin im Auto gesessen, also erstmal gesessen, und habe, nachdem ich im Kofferraum mit angezogenen Beinen geschrieben hatte, mit nunmehr ausgestreckten, aber leicht angewinkelten Beinen im Halbstehen (ich hoffe, Sie können mir folgen!) versucht, ein Laptop wie einen Papierflieger in der Luft zu halten (ohne Fallenlassen), um einen Text zu versenden. Das war fast wie früher – und war früher oft so – , als noch kein W-Lan in der Luft lag. Stattdessen taten es die Mobiltelefone besser, jedenfalls kommt mir das so vor. Sie mussten noch nicht alles können. Das ist besser für Maschinen – und wäre besser für die Menschen, denke ich manchmal. Jedenfalls hat dann alles so weit geklappt, aber ich war doch froh, dass mich keiner gesehen hatte bei dieser Freiübung. Obwohl, unter Yoga-Gesichtspunkten . . . Wenn man Glück hat, sieht’s keiner dem Artikel an.

 

Im Auto zu schreiben wegen irgendwelcher technischen Probleme hatte insofern immer was, als man sich wenigstens einen halbwegs kommoden Platz aussuchen konnte; einen Platz, sagen wir mal, welcher der Tagungsstätte der Münchner Löwenvereinsmeier oder der Aschermittwochsparteitagshalle der CSU vorzuziehen ist. Also fast alles in der bebauten Landschaft. Ich habe es ganz gerne grün, wenn es irgend geht, das ist wie bei Funny van Dannen in einem versponnenen, wunderbaren Lied. Es beginnt mit der Feststellung „Ich arbeite jetzt im Keller, da bin ich ungestört“ – und mäandert weiter in eine hübsche Arbeitsplatzbeschreibung plus Lebensüberlegung. Erst schildert er, was so auf der Fensterbank steht: Porzellantauben, eine kaputte Lampe und ein fetter Lohengrin. Dann, was so an der Wand hängt: Familienbilder. Ein Poster. Man kann sich in dem Lied sofort wohlfühlen. Der Clou aber ist das Gras, das dann besungen wird, nämlich so: „Und das Gras vor meinem Fenster, das ist so leicht wie Papier, der Wind will es mitnehmen, aber das Gras bleibt hier.“ Selten wurde schöner Natur bereimt, die wiederum Kunst hervorbringt. Zumindest nicht seit Eichendorff.

Sieht weich aus und fühlt sich meistens auch weich an

Gras (nicht zum Rauchen, einfach so). Gras ist irgendwie inspirierend, wenn man drauf schaut beim Schreiben. Sieht weich aus, fühlt sich meistens auch so an und ist biegsam, wie man sich idealerweise seine Wörter vorstellt. Und wenn einer mal schief drauf tritt, aufs Gras, macht es auch nichts. Gras wächst schnell nach. Nur Fußballer darf man nicht dauernd drüber lassen. Trotzdem schön, so ein Fußballrasen. Wenn es irgend ging, fahre ich meistens in die Nähe von Sportanlagen. Man schreibt auch irgendwie direkt schneller. Oder präziser.

Was ganz anderes ist der Arbeitsplatz im Bayerischen Landtag. Kleines Großraumbüro, viele Kollegen aus allen deutschen Landen, geht nach hinten raus, also kein Panoramablick auf Isar, Oper, Olympiastadion. Aber grünes Gras vor dem Fenster haben wir satt, nämlich eine Fitzels-ecke vom Englischen Garten. Momentan leben wir partienweise weniger grün und sogar fensterlos. Das Oberlandesgericht, wo der NSU-Prozess stattfindet, hat nur zwei winzige Milchglasscheiben. Man sieht nichts den ganzen Tag, keinen Halm, hört dafür aber ungeheuer viel Hässliches, um das Mindeste zu sagen. Mitte dieser Woche hat ein Polizist mal ein Fenster geöffnet, was er wahrscheinlich nicht durfte. Dann schauten ein paar Leute auf den Baum im Hof und das Gras drum herum, und mir fiel der Schluss von dem Lied von Funny van Dannen ein. Das Gras nämlich vor dem Fenster, das zittert da „bei jedem Hauch. Aber es hat starke Wurzeln. Hoffentlich hab ich die auch“.