Unser Kolumnist Mirko Weber denkt schon jetzt
an das nächste Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern – Geschichtsstunde inklusive. Es geht dabei unter anderem um gefälschte Geburtsurkunden.
Wien - Neujahr 2014 will rechtzeitig organisiert werden. Deshalb geben die Wiener Philharmoniker als Veranstalter des bis nach Indien hin und überhaupt weltumspannend gesendeten Neujahrskonzerts immer schon rechtzeitig im Altjahr bekannt, wer dirigiert und einkleidet. Im kommenden Jahr also wird Vivienne Westwood die Kostüme des Wiener Staatsballetts für die Tanzeinlagen schneidern lassen, was nur besser werden kann als die schwüle Couture, die Valentino vor ein paar Jahren fertigen ließ.
Und am Pult der Philharmoniker steht Daniel Barenboim. Er stand da schon einmal, 2009 war das, feiert heuer sowieso Silberhochzeit mit den Wienern als Dirigent und erlebt zudem, mit 70, sein sechzigstes Bühnenjubiläum. Sein Orchester sieht in dem argentinischen Juden, palästinensischen Ehrenbürger und Wahlberliner Barenboim vollkommen zu Recht einen einmaligen „Brückenbauer“.
Ob Menschen ausgeschlafen sind oder noch halb verkatert, einfach hoffnungsfroh oder leicht skeptisch gegenüber dem, was bald wohl alles kommen mag, ist das Neujahrskonzert oft so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner am ersten Morgen des Jahres. Radio oder Fernsehen kann man sich aussuchen, aber jedenfalls lässt sich schlechter ein neues Jahr beginnen als mit reichlich Dreivierteltakt. Wahrscheinlich gibt es die Neujahrskonzerte schon ewig, könnte man denken, zumindest aber doch wohl seit den Zeiten der Komponistendynastie Strauß. Doch es ist ganz anders.
Die Nazi-Zeit – ein ganz neues Kapitel
„Um es gleich vorwegzunehmen“, schreibt der Zeithistoriker Oliver Rathkolb von der Universität Wien, der die Geschichte der Wiener Philharmoniker mit aufarbeitet: „Die Tradition der Neujahrskonzerte . . . begann in der NS-Zeit.“ Von 1939 an wurden die Konzerte zu Silvester und einen Tag später von den Wiener Philharmonikern gemeinsam mit der Reichsrundfunkgesellschaft organisiert. Österreich gedenkt gerade des sogenannten Anschlusses von 1938, und obwohl die Philharmoniker – ein Aushängeschild des Landes – schon seit vielen Jahren wissenschaftlich durchleuchtet wurden, gehen sie jetzt erst auf ihrer Website richtig an die Öffentlichkeit. Mit entsprechenden Folgen, denn nun kann jeder wissen, dass nicht erst Adolf Hitler in seiner alten Heimat aufkreuzen musste, bevor das Führerprinzip im weltweit bekanntesten Orchester durchgesetzt wurde – und unliebsame Kollegen gehen mussten.
Der Historiker Rathkolb glaubt, dass auf diesem Weg der Beschäftigung mit der Nazi-Zeit nicht lediglich ein weiteres, sondern ein wirklich neues Kapitel aufgeschlagen werde: Institutionen (wie analog die Akademie der Wissenschaften zum Beispiel oder die SPÖ) fangen an, sich mit sich selbst zu beschäftigen und erschrecken manches Mal bis ins Mark: So waren wir?
Strauß, ein „Achteljude“
Und doch muss dann auch wieder differenziert werden, denn ein Alleinstellungsmerkmal, wie sie es heute sind, waren die Neujahrskonzerte auch wieder nicht. Schon Jahre zuvor veranstaltete der Dirigent Clemens Krauß gerne reine Johann-Strauß-Konzerte, die im Übrigen inhaltlich vom Orchester geringschätzig unter dem Rubrum „Unterhaltungsmusik“ verbucht wurden. o ließen sie’s plätschern: an der schönen, blaubraunen Donau.
Und weil alles so wunderbar lief, veranlasste Joseph Goebbels sogar, Johann Strauß’ Taufschein in Wien zu fälschen, weil „ein Oberschlauberger“ herausgefunden hatte, dass jener „Achteljude“ sei. „Am Ende bleiben uns nur noch Widukind, Heinrich der Löwe und Rosenberg übrig“, mutmaßte der Propagandaminister verärgert. Ein bisschen aber von diesen Geschichten wird man nun – Barenboim hin, Barenboim her – mithören: 2014.