„Wer hier klaut, hat nichts verstanden“, stand einmal auf einem Schild vor einer Stuttgarter Buchhandlung. Stimmt diese Aussage? Das hinterfragt unser Kolumnist Mirko Weber.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Beim Stuttgarter Buchhändler Wendelin Niedlich weiland in der Schmalen Straße hing ein Plakat, drauf stand provozierend patzig: „Wer hier klaut, hat nichts verstanden.“ Psychologisch nicht ungeschickt, aber trotzdem haben die Leute aus den Stapeln so einiges herausgezogen und mitgehen lassen, sonst wäre Niedlich finanziell wenigstens auf einen halbgrünen Zweig gekommen.

 

Unter bestimmten Umständen lässt sich über Bücherbeutezüge natürlich reden, nämlich wenn dadurch noch größerer Schaden verhindert wird. Dazu gibt es einschlägige Geschichten von zwei Schriftstellern, Heiner Müller (längst tot) und Günter de Bruyn (noch am Leben), die beide – freundlicher Zyniker der eine, noch freundlicherer Romantiker der andere – ein ähnliches Nachkriegserlebnis hatten: sie mussten Bibliotheken „reinigen“, wie das hieß. Müller war im sächsischen Waren eingeteilt, de Bruyn wenig später in Oberschöneweide. „Diese Tätigkeit“, erzählt Müller in „Krieg ohne Schlacht“, sei die Grundlage seiner eigenen Bibliothek gewesen. „Ich habe geklaut wie ein Rabe. Das war eine schöne Zeit.“ Wirklich aussortiert wurden nur die alten Nazischinken. Nebenher konnte man sich auf die Seite legen, was dann abends mitging: Nietzsche, Jünger, solche Sachen.

Das Buch verschwindet nicht, es wird nur versteckt

De Bruyns Auftrag war schon ein wenig umfassender. In der Alt-Köpenicker Feuerwache hatte er es mit Restbeständen aus Prag zu tun. Sorgfältig und gewissenhaft dachte er der neuen Staatsbibliothek wertvolle philosophische Werke zu, bevor ein Parteigenosse der ersten DDR-Stunde verfügte, dem arbeitenden Volk seien zur Fortbildung Dekadenzler wie Robert Musil, Paul Claudel oder Jean Cocteau kaum zu empfehlen. Folgerichtig rettete de Bruyn deren Bücher und viele andere hinüber in seine Regale. Heute und viele Archivierungsjahrzehnte später hingegen verschwindet ein elektronisch gesichertes Bibliothekbuch nicht mehr so leicht. Eher wird es verstellt. Unlängst suchte ich in der hervorragend sortierten Münchner Stadtbibliothek nach Gasdanows „Das Phantom des Alexander Wolf“. Laut Computer und hilfreicher Bibliothekarin stand es im Regal, war aber nicht aufzufinden. Auszumachen wäre es schnell gewesen: auf dem Cover findet sich ein (fliehender) Schimmel.

Derweil verzeichnete das John-F.-Kennedy-Institut in Berlin dieser Tage als Rückläufer einen Gedichtband des amerikanischen Underground-Dichters Charles Bukowski, mit dem schönen, in diesem Fall absolut prophetischen Titel „The Days run away like wild Horses over the Hill“. Die Erstausgabe von 1969 war 37 Jahre aushäusig, ehe sie vom Entleiher anonym zurückgeschickt wurde. Anonym deshalb, weil der Mann (Frauen haben Bücher von Bukowski generell weniger Aufmerksamkeit geschenkt) befürchtete, er müsse die kompletten Mahngebühren entrichten. Seiner Berechnung nach beliefen sich die auf mehr als 13 000 Euro.

Tatsächlich wäre alles halb so wild gewesen: das Buch war längst abgeschrieben, die Leihkarte vernichtet – und allenfalls hätte man die Wiederbeschaffungsgebühr und den damaligen Sachwert verlangt. Andererseits ist es fürs Kennedy-Institut besonders schön, dass der Band wieder da ist, weil von 41 vorhandenen Bukowski-Büchern ohnehin schon zehn fehlen. Hier schließt sich ein Kreis. Werke von Charles Bukowski – den manche für eines der größten Ferkel, andere wiederum für einen der realistischsten Melancholiker der amerikanischen Nachkriegsliteratur halten – nehmen auf der „Liste der meist gestohlenen Bücher“ zumindest in den USA traditionell den ersten Platz ein. Da ist man froh über jedes Pferd, das sich hinter dem Hügel zeigt: „Homeward Bound“ unterwegs, wie Simon and Garfunkel sangen.