Wer in einem altehrwürdigen Lexikon liest, kommt buchstäblich auf andere Gedanken, findet unser Kolumnist Mirko Weber – und nimmt wehmütig Abschied vom Brockhaus.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

München - Konya zum Beispiel – und jetzt einfach auch nur, weil der Begriff sich zufällig auf der Seite im Lexikon genau gegenüber dem Eintrag Konservationslexikon findet, von wo aus man im Übrigen auf Enzyklopädie verwiesen wird. Konya also. Zu Konya steht in meiner Ausgabe von Meyers Großem Taschenlexikon in 24 Bänden, das ich mir Anfang des Studiums vor dreißig Jahren einmal zusammengespart hatte: türkische Stadt in Inner-anatolien. Zuerst waren da die Perser, dann kam Alexander der Große. Hernach Osmanisches Reich. Zum Anschauen Moscheen natürlich, ein Rumi-Mausoleum und das Kloster der tanzenden Derwische. Tanzende Derwische? Nicht schlecht.

 

Wer wollte ausschließen, dass man vielleicht noch mal nach Konya kommen wird, obwohl die Stadt nicht direkt am nächsten Urlaubsweg zu liegen scheint? Auf jeden Fall kann man sich Konya schon mal für „Stadt Land Fluss“ merken, wenn alle anderen Köln hinschreiben oder Kaiserslautern. Oder Kairo. Macht schon doppelte Punktzahl. Sie merken, worauf ich hinaus will? Folgendes . . . 

Abschiedszeilen, von herzlos bis hämisch

In dieser Woche sind ein paar Nachrufe auf den Brockhaus erschienen, der noch ein bisschen unlustig weiter geführt wird, dann aber in ein paar Jahren definitiv sein Erscheinen einstellt. Realistischerweise stand in diesen Nekrologen, dass Bertelsmann vor Wikipedia kapituliere, was ja auch irgendwie stimmt. Ein teures, tendenziell inaktuelles, schweres, unhandliches, Möbelpacker Stöhnen und Augenrollen wie sonst nur ein Klavier bereitendes Lexikon hat nun mal schlechte Karten gegenüber einem Umsonst-Angebot im Internet, das insgesamt – betrachtet man vor allem die Mithilfe all seiner Ersteller – eine wirklich staunenswerte Karriere verzeichnet. Weiterhin aber lasen sich die Abschiedszeilen aufs Konversationslexikon herzlos bis hämisch. Allein der Begriff Konversationslexikon, hieß es in einer Fassung, erinnere doch in seiner Putzigkeit sehr an Adolf Menzels „Balkonzimmer“-Gemälde. Passé, vorbei und überflüssig.

Menzel, Menzel . . . (Donaldianer würden jetzt „Grübel“ sagen).

Adolph von Menzel (1805 in Breslau geboren), meldet mein Meyers, habe „schlichte Motive aus dem Alltagsleben“ gewählt, die in der „malerischen Erfassung der Realität ihrer Zeit“ weit voraus gewesen seien – und da kann man nichts gegen sagen, wenn man jetzt an das Balkonzimmer-Gemälde denkt: Fenster, Stuhl, Läufer, windgeblähter Vorhang und so weiter. Zu sehen ist das Bild in dem sehr ausführlichen, sehr ordentlichen und vor allem überraschend originell illustrierten Wikipedia-Artikel: dort gibt es sogar die Dokumentation der schönen Briefmarke, die sich die DDR zum Menzel-Jubiläum 1965 leistete. Für Zehn Ost-Pfennige. Bekam man zwei Schrippen für. Zwei!

Gewusst? Nicht gewusst? Tja.

Wikipedia bietet Weiterführungen, also Links an. Aber solche herrlichen Kreuz-und Quer- und Sinn/Unsinn-Abschweifungen nun eben wieder nicht wie der Meyers auf der Seite vor Menzel, die man folglich gerne ganz durchliest. So ist es immer. Nichts zu machen. Gewusst? Nicht gewusst? Mensur? Klar. Mensuralmusik? Schon dünner. Mentuhotep: „Name von 4 ägypt. Königen der 11. Dyn. (2040-1991) . . .“ Tja... Vorher noch die Strukturformel von Menthol. Dass man buchstäblich auf andere Gedanken kommt, ist nicht der geringste Nutzen eines Konversationslexikons.

Anfang des Jahres saß ich einmal in einem Wiener Café mit der Autorin Teresa Präauer zusammen, die ein ganz wundervolles Buch geschrieben hat, es heißt: „Für den Herrscher aus Übersee“. Das Buch platzt fast vor Fantasie. Präauer hat mir dann erzählt, dass ihre Lieblingslektüre als Heranwachsende das Lexikon von A bis Z war, also eine Art Volksausgabe des Brockhaus’ oder des Meyers. Da habe sie eigentlich alles her, das Erdenkliche und das Unmögliche. Als ich wieder daheim war, habe ich meinen Meyers wieder eine Regalstufe höher gestellt: Soft Rock, Sogetto, Sohle, Sohn Gottes? Aber: lesen Sie selbst!