Man könnte unseren Korrespondenten Mirko Weber einen biologischer Beinahvolltrottel nennen. Aber jetzt hat er einiges gelernt. Zum Beispiel, warum Bienen so gern in der Stadt leben.
Wien - Tagpfauenauge, Bläuling, Landkärtchen, Admiral, und Johannes Gepp doziert über all diese Schmetterlinge so entspannt dahin, dass ich immer ganz weg bin. Schmetterlinge waren das Thema neulich in „Vom Leben mit der Natur“ auf Österreich 1, welche unter meinen Lieblingssendungen im Radio ziemlich weit oben steht – noch vor „The Archers“, einer Langzeit-Ethno-Soap auf BBC 4. Gesegnet seiest du, Internetradio!
„Vom Leben der Natur“ beginnt um kurz vor neun Uhr in der Früh, dauert fünf Minuten, und selbst ein biologischer Beinahvolltrottel (wie ich) kann da was lernen. Unlängst zum Beispiel, dass in Wien – auf einem Gebiet, das gerade mal ein halbes Prozent der gesamten Landesfläche ausmacht – viel mehr als die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten heimisch ist, die es in ganz Österreich gibt. „Stadtspezialisten“ nennt sie der Zoologe Erhard Christian. Manche fallen richtig auf: Saatkrähen im Winter zum Beispiel. Oder Lachmöwen. Hinterm Schwedenplatz waren welche vor ein paar Monaten. Man sieht ja meistens besser, wenn man was weiß. Wien habe, hieß es weiterhin, nun mal einen illyrischen Einfluss, klimatisch gesehen. Vom lyrischen zu schweigen.
Der Mensch ist ein reichlich umständlicher Blütenbestäuber
Der illyrische Einfluss womöglich hat unter anderem dafür gesorgt, dass es einen Bienenschwarm aus dem fernen Graz hierhin getrieben hat, was als untypisch gilt. Normalerweise machen die Schwärme keine großen Ausflüge, wenn sie ein neues Zuhause suchen. Allenfalls 30 Kilometer, mehr nicht. Aber Wien mögen die Bienen besonders. Neuerdings kann man sich melden (beim Verein Stadtimker), wenn man ein Quartier zu vergeben hätte: Gärten oder schöne Schuppen werden gerne genommen, nachdem die Exklusivplätze bereits weitgehend vergeben sind. Honigbienenstöcke wurden schon angesiedelt auf den Dächern der Staatsoper und des Belvedere wie auch in der Kuppel der Secession und droben auf dem Kanzleramt. So ist endlich mal was los im Haus von Werner Faymann, wo’s ansonsten wenig brummt.
Dass die Bienen zu Städtern werden, hat einen simplen Grund. Bäume, Wiesen und Grünanlagen werden nicht mit Pestiziden behandelt, die auf dem Land relativ flächendeckend zur bäuerlichen Grundausstattung gehören. Weltweit hat die meist hemmungslose Anwendung von Pestiziden aus der Gruppe der sogenannten Neonicotinoiden im vergangenen Jahrzehnt zu einem beispiellosen Bienensterben geführt, was wiederum die Schweizer Autoren des Dokumentarfilms „More than Honey“ nach fünf Jahren Recherche zu einer erschreckenden Hochrechnung brachte. Neunzig Prozent aller Obstbäume werden von Bienen bestäubt. Nicht auszudenken, wie es um die weltweite Ernte bestellt wäre, fielen diese Helfer aus. In Teilen Chinas haben Menschen erzwungenermaßen den Job der Bienen übernommen. Stellen sich aber natürlich reichlich umständlich an als Blütenbestäuber.
Der Sumsi-Mörder lässt sich tatsächlich belehren
Die meisten Staaten in der EU wollten dieser Tage bestimmte Neonicotinoide verbieten. Österreich hingegen mochte sich erstmal in Person des Umweltministers Nikolaus Berlakovich dumm stellen. Berlakovich bekam daraufhin daheim den Spitznamen „Sumsi-Mörder“ und galt wochenlang als Helfershelfer von Chemiegiganten (die tatsächlich partiell elegant geschmiert hatten). Sumsi-Mörder. Sehr österreichisch. Aber erfolgreich. Berlakovich gab klein bei – und sah sich dennoch im Parlament in Wien ziemlich feindlich konfrontiert von einer Menge Abgeordneter bis hin zur Nationalratspräsidentin, die allesamt in Gelb-Schwarz gekleidet waren. Und verbal zustachen. Kleine Sternstunde: vom Leben der Demokratie.