Was wäre eine Großstadt ohne Vögel? Ziemlich traurig, findet der StZ-Kolumnist Mirko Weber. Und überhaupt: im Grunde genommen ist jeder Vogel ein Mozart, so einzigartig sind seine Klänge.
München - Für die Juni-Ausgabe von „London Review of Books“ haben sie noch einmal den großen Reporter Neal Ascherson durch Deutschland geschickt. Ein wenig wehmütig schaut der Schotte, langjähriger Korrespondent für „Guardian“ und „Observer“ hierzulande, auf die alte Tante SPD, bei der es immer noch nach Bratwurst, Senf und deutschem Kaffee rieche, wie er schreibt, obwohl die Partei jetzt bei der optischen Darstellung vorzugsweise in Lila und Pink badet. Lila und Pink sind das neue Rot. Ascherson kommt ordentlich rum, trifft Winfried Kretschmann („grauhaarig und vertrauenswürdig“) und Erhard Eppler. Die Geschichte über ein Land, das sich nur trauen müsste, die Hand seiner angeblichen Übermutter Merkel loszulassen, ist am Ende um Klassen differenzierter als vieles, was man sonst manchmal aus England über Deutschland zu lesen bekommt. Einmal jedoch wird sie ein bisschen seltsam.
Eine Singdrossel wirft mit lauter Unikaten um sich
Das ist, als Ascherson sich in Berlin aus seinem Hotelzimmerfenster rauslehnt und nicht viel anderes hört als Vogelgesang. Folglich erinnert er daran, dass viele Leute nach dem Mauerfall ja mal gedacht hätten, Berlin würde der „Vollbrummer“ unter allen europäischen Städten, und eine Weile habe es ja auch danach ausgeschaut. Aber so? Mit Gezwitscher im Hinterhof? Das wird nichts, prophezeit Ascherson.
Dabei: was wäre ein Großstadt ohne Vögel und ihren Klang? Und wie hätte es ein Vogelliebhaber, ja ein Vogelverrückter wie der französische Komponist Olivier Messiaen in Paris fast ein ganzes Leben ausgehalten, wären seine gefiederten Freunde nicht direkt hinter der Dreifaltigkeitskirche im 9. Arrondisssement gehockt, wo er von 1931 an sechzig Jahre lang als Organist amtierte. Messiaen bereiste die ganze Welt auf der Suche nach seltenen Vogelstimmen – und notierte nach Gehör, während er alles zur Gedächtnisstütze aufnahm. Die Vögel lieferten ihm seine Musik. Wahrscheinlich hat Messiaen das Schönste über Vögel gesagt, was man über sie sagen kann, nämlich dass sie die Tonarten erfunden haben, bevor ein Mensch drauf gekommen ist, und die Leitmotive, bevor Richard Wagner damit dick tun konnte. Eine Singdrossel zum Beispiel singt eine Strophe dreimal hintereinander und variiert minimal den Rhythmus und die Klangfarbe. Danach wird sie die Strophe nie wieder auf diese Art singen. Die Singdrossel wirft nur so mit lauter Unikaten um sich; jeder Vogel der Gattung ist im Grunde genommen ein Mozart. Eigentlich unfassbar.
40 000 Raben – allein in Tokio
Im New Yorker Central Park gibt es 59 Vogelarten, ausweislich der letzten Zählung, darunter den Rotkopfspecht. In Tokio sind vor ein paar Jahren aus den umliegenden Gebirgen die Raben eingefallen. Mittlerweile leben mehr als 40 000 Stück in der Stadt. Vokal betrachtet mag das keine große Bereicherung sein, schließlich ist der Rabe für sein Krächzen berüchtigt, aber urbanmythologisch gesehen ist es natürlich ein Fortschritt. Apollo war der Rabe heilig und Gott selber schickt mittels eines Raben, obwohl er ein unreiner Vogel ist, Elia Brot und Fleisch.
Zum Thema Großstadt und Vögel und zur These, dass es in „richtigen“ Großstädten Biotope dieser Art nicht gebe, nur noch so viel, dass ausgerechnet in London und nur dreieinhalb Meilen von Big Ben entfernt, seit 1989 eines der größten Vogelgebiete entstanden ist, dass es in Megacitys überhaupt gibt: auf einer Riesenfläche in Barnes, SW 13, tummeln sich über 150 seltene Vogelarten. Sogar Eisvögel gibt es auf dem Queen Elizabeth’s Walk in der Nähe der U-Bahn-Station Hammersmith. Sozusagen im Hinterhof der Stadt.