An manche Stimme erinnert man sich ein Leben lang. Andere gehen einem schon nach fünf Minuten auf den Geist. Unser Kolumnist Mirko Weber denkt darüber nach, welche ihn am meisten beeindruckt hat.
München - Kleiner Selbstversuch anlässlich des Debüts von Til Schweiger in der Rolle des Herrn Tschiller im Fernsehen: allein im Büro, alle anderen in der Wohnung waren mit sinnvolleren Dingen beschäftigt. Das ging so lange, wie es ging, also nicht besonders lang, zwanzig Minuten vielleicht. Andererseits aber doch ziemlich lang, wenn man schon nach fünf Minuten denkt, was für schöne Sachen sich allein mit dem während der Ouvertüre bei Munitionsexzessen verfeuerten Geld hätten anstellen lassen. Aber dann ist es hauptsächlich die Stimme Schweigers, die einen schnell Abstand nehmen lässt. Weil es ja nicht nur Genuschel ist (was mit einem selbstironischen Witz aufgefangen wurde). Sondern mehr so eine vokale Kaspressknödelei: grau und gequetscht.
Stimmen. Verlockung schlechthin, da herrscht rückblickend weitgehend Einigkeit, stellten die Sirenen dar. Nicht umsonst ließ sich Odysseus einst an den Mast binden und hieß die Besatzung, allesamt die Ohren mit Wachs zu verstopfen. Aber es war vielleicht doch zu viel der Ehre, dass Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Odysseus später zum „Urbild“ des aufgeklärten Menschen adelten. Er war ja nun schon wegen Kirke spät dran mit der Heimreise (und würde die Ankunft wegen Kalypso noch ein paar Jahre hinaus schieben). Mehr Sperenzchen konnte er sich einfach nicht leisten.
„Mind the Gap!“ tönt es aus der Londoner U-Bahn
Sanfte, zur Mahnung fähige, gleichwohl gefällige Stimmen versuchen heute massiv die Dinge im Navigationswesen zu richten – was Irrfahrten nicht ausschließt. Unserem ersten Gerät im Auto vor vielen Jahren war beim Programmieren ein entscheidendes „R“ abhanden gekommen. Die relativ schöne Stimme, ein dunkler Sopran, sagte fortwährend: „die Ute ist berechnet.“ Kurios. Wir blieben natürlich beim Namen und nannten auch alle nachfolgenden Navigationsdamen: Ute – wohl wissend, dass die erste einmalig gewesen war. „There will never be another you“, wie Harry Warren weise komponierte.
Genau dies empfand Margaret McCollum, als vor Jahren ihr Mann starb, dessen imperiale Stimme fast jeder Besucher Londons kennt. McCollum war es, der in der U-Bahn via Lautsprecher „Mind the Gap!“ in einer Art sagte, dass man unwillkürlich Haltung annahm beziehungsweise auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig wirklich achtete. Im Verlauf der allgemeinen Totaldigitalisierung wurde die 40 Jahre alte Warnung allerdings im vergangenen November akustisch verabschiedet, und so endeten die täglichen kleinen Pilgerausflüge seiner Frau in die Tunnel unter der Erde, wo sie zumindest immer noch seine Stimme hören konnte.
Wie singt Wolfgang Ambros beim Schnapsen?
Glücklicherweise hat die London Underground von Margaret McCollums leiser Trauer gehört – und wird demnächst zumindest die zentrale Station Embankment wieder wie gewohnt beschallen. Ein sehr englischer Entschluss, der auch in Wien herbeigesehnt würde, wo sich – analog zu Mister McCollums Direktive – zum Jahreswechsel der still-vornehme Klang des Sprechers Franz Kaida buchstäblich in Luft aufgelöst hat. Um „moderner“ zu wirken, nahmen die Verkehrsbetriebe Kaida aus dem Spiel, bei dem einem immer so war, als führe man zu Kaisers. Sein Substitut, die Sängerin Angela Schneider, hat nun ein sehr helles Organ, und wenn sie Englisch spricht, erklingt der Gong zuvor eine Oktave höher als sonst. Darüber hinaus ist sie grammatikalisch nicht unbedingt hip, eher zopfig: „Bitte seien sie achtsam – zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür ist ein Spalt.“ Das ginge kürzer (und passte auch wieder auf ein T-Shirt). Denn wie singt Wolfgang Ambros im Lied beim Schnapsen: „Hoit, do is a Spoit! Passt’s auf, dass kana eine foit!“