Unser Kolumnist Mirko Weber geht wählen. Vorher macht er sich Gedanken, welches Vesper dazu passt.
München - Von allen Ankündigungen vor der Wahl ist mir seit Jungredakteurszeiten folgende immer eine der liebsten gewesen: „Ein Wahlvesper wurde bei der GF beantragt.“ GF für Geschäftsführung. Gezeichnet wurde der Schrieb vom Chef vom Dienst dieser Zeitung. Nun war sichergestellt, dass am Abend einer Landtags- oder Bundestagswahl nach der ersten Generalaufregung und Verfertigung des vorläufigen Leitartikels gegen 20 Uhr verlässlich ein Wägele in die Nachrichtenzentrale gerollt werden würde. Drauf standen in quasi soldatischer Anordnung eine Schüssel mit Kartoffelsalat, die für ein komplettes Sommer-Zeltlager sehr hungriger Jugendlicher gereicht hätte, sowie eine gedeckelte Blechwanne mit Maultaschen in der Brüh’. Und drei Flaschen Weißer für jeweils eine ordentliche Gosch voll Wein.
Es war eine nicht zu unterschätzende Geste. Symbolik. Wobei Wahlen betreffend das größte Symbol meiner Meinung nach diese Holzschachtel oder Plastikkabine darstellt, in die jeder im Wahllokal förmlich eintaucht wie in tiefes Wasser: Man ist da völlig allein, keiner kann einem was, man hat ziemlich freie Auswahl und am Ende doch Einiges in der Hand. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Hinter den Vorhang, Kreuz machen, fertig
Immer, wenn ich wählen gehe, was ja nicht weiter weh tut, muss ich an den Großvater von Ewald K. denken. Er war im Dorf der Zeitungsausträger und stopfte spätestens gegen sechs Uhr in der Früh eine „Rheinische Post“ nach der anderen in die Briefkästen. Das klapperte wie die Mühle am rauschenden Bach. Naturgemäß war dies eine eher schweigsame Tätigkeit, aber auch nach dem Zeitungsaustragen zeigte sich Herr K. niemals als redselige Natur. Lieber kaute er auf seiner Pfeife herum, die mit Batavia gefüllt war, sagenhaft stinkendem Feinschnitt. Er lebte allein und saß am Nachmittag schon mal in der Sonne und las ein Buch, wenn die anderen noch arbeiteten. Selbst sein Enkel wusste nicht so recht, was der Herr K. eigentlich für einer sei.
Nur, dass er Kommunist war, das wussten alle. Weil es nur einen Kommunisten im Dorf gab. 291 wählten CDU, acht SPD (davon waren die meisten im Karnevalsverein, hatten also so was wie Narrenfreiheit). An Wähler der FDP kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Und dann eben einmal DKP, das war Herr K. Die Grünen gab es noch nicht. Fast das ganze Wirtshaus schaute hin, wenn Herr K. am Wahlsonntagmorgen zwischen den Kartenspielern und Altbiertrinkern zur Kabine ging und hinter den Vorhang trat, um sein Kreuz zu machen. Herr K. sagte „Daach!“, wählte und steckte die Pfeife wieder an, die er überhaupt nur in ganz seltenen Momenten aus dem Mund nahm. Auf ein Kopfnicken hin schenkte ihm der Wirt einen Wacholder ein. Herr K. kaute den Wacholder, schluckte, nahm seine Mütze, ließ das Geld neben dem Deckel liegen, sagte „Tschö!“ und ging. Alle anderen sagten auch „Tschö!“, und dann spielten die Kartler weiter Karten, und die Altbiertrinker tranken weiter Altbier. Würde ist, was keinen Preis hat, heißt es bei Kant.
Für die Bayern-Wahl gilt: Pizzaservice
Herr K. ist lange tot, die DKP Geschichte. Hingegen habe ich in den Redaktionsmitteilungen vom Chef vom Dienst, die mich auch in Bayern erreichen, gelesen, dass für den Abend der Bundestagswahl in Stuttgart „ein Wahlvesper organisiert“ wird. Für den Tag der Bayern-Wahl allerdings rät der CvD zu individueller Bestellung beim Pizzaservice oder ähnlichen Dienstleistern. Gut. Schlecht. Mei.
Ich gehe mit Maultaschen im Gepäck ins Maximilianeum – Maultaschen in der Brüh’ und im Henkelmann. Jede historische Bewegung braucht eine Gegenbewegung. Und es kann ja einfach auch mal irgendwas bleiben, wie es immer war.