Schon mal einem Mann dabei zugesehen, wie er liebevoll seine Budapester putzt? Kolumnist Mirko Weber macht sich Gedanken über Schuhe – und was sie aus einem machen.
München - Zu den kleineren Menschheitsmythen zählt, dass hauptsächlich Frauen ein spezielles Verhältnis zu Schuhen hätten. Beim Kaufen vielleicht. Aber schauen Sie bitte mal einem Mann zu, wie er weltvergessen seine Budapester putzt.
Magie in Einzelfällen. Ich konnte die These schon früh aus einem Buch ableiten, welches mir mein Kölscher Großonkel Jean, den ich, glaube ich, schon einmal erwähnt habe, in der Jugend geschenkt hat. Es hieß „Locke und die Fußballstiefel“ und ging so, dass Locke nicht der geborene Weltmeister ist, dann aber eher antiquierte Treter auf dem Dachboden findet. Locke hat von den Schuhen geträumt und glaubt fest, dass sie ihn zu einem besseren Spieler und Menschen machen werden. Er schafft es dann bis in die deutsche Juniorenauswahl. Vor dem entscheidenden Spiel gegen England nimmt ihm der Bundestrainer allerdings die nur noch von Restnähten notdürftig zusammengehaltenen Schuhe weg und schenkt ihm neue. Locke spielt zuerst lediglich untermittelprächtig, vergisst dann jedoch, dass es nicht die Schuhe sind, sondern er selbst. Folgen Lockes Siegtreffer und glückliches Ende.
Gute Schuhe gehören in die Inspektion
Lange Zeit hat der Keller Karl meine Schuhe besohlt und ausgebessert. Er wohnt hinterm schwäbischen Gartenzaun meines Schwiegervaters. Ein Paar Braune, wunderbar schmale Italiener, richtete er so oft wieder her, bis selbst seine Künste nichts mehr vermochten. Ich dachte, gut, das Locke-Schicksal, und dass ich jetzt ohne die Braunen durchs Leben gehen müsse. Alleine stark. Natürlich habe ich andere gute Schuhe, doch zwischen einem guten Schuh und „dem“ Schuh, also dem Schuh-Schuh, ist ein Unterschied. Wenn es je wieder Braune sein sollten, meinte ich, dann müssten sie etwas von denen haben, die am Ende von Dylans „Boots of Spanish Leather“ auftauchen. Unvermittelt. Ah, schönes, trauriges Lied. Andererseits kann man nicht immer alles bekommen, was man gerne will.
Meine spanischen Halbstiefel, die ich seit einem Jahr nur noch ausziehe, wenn ich dafür ein Paar Budapester bekomme, heißen Dallas und wurden in Indien gefertigt. Man könnte mit ihnen, wie ich als Dauertester nun weiß, auf eine Never-Ending-Tour gehen. Folgerichtig hat meine Frau sie „Bobs“ getauft. Nun müssten die Bobs, die sehr gut gepflegt werden, trotzdem allmählich in Inspektion.
Leider praktiziert der Keller Karl nicht mehr. Dass die Schuhe etwas Magisches haben, steht außer Zweifel. Als ich dieser Tage in München am Wiener Platz abends auf einer Bank saß, kam freudestrahlend eine Frau mit Noten auf mich zu. Ein Blick auf die Schuhe, und ich war eingeladen zum Solidaritätssingen. Als Veranstalter figurierte der DM-Markt. Es gibt schlimmere Ausbeuter. Was sollte ich sagen? „Don’t think twice, it’s allright“.