Kleinmut kommt nach dem Fall. Das hat nicht nur Uli Hoeneß erfahren. Auch der frühere CSU-Vorsitzende Erwin Huber hat da so seine Erfahrungen gemacht. Unser Kolumnist Mirko Weber hat das aus ziemlich nächster Nähe miterlebt.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

München - Als Anfang der Woche der erste Hurrikan mit Hoeneßiana durchs Land gegangen war, saß bei Frank Plasberg im Fernsehen der mittlerweile haupthaarmäßig energisch zerzauste ehemalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber. Es wurde in der Folge von „Hart aber fair“ dann aber nicht völlig klar, in welcher Funktion man ihn eingeladen hatte. Als Bayern? Bayern-Fan? Finanzminister a. D. und Landesbank-Verantwortlichen? Oder aus Proporzgründen? Wie auch immer.

 

Huber ist ein alter Fußballer, er hat auch noch im höheren AH-Alter ein paar terrierhafte Reflexe drauf. Wie er – Eigenzitat! – noch aus dem Grab heraus seine Hand recken würde, um etwas gegen Horst Seehofer zu unternehmen, muss man ihm lediglich Renate Künast von den Grünen vor die Nase setzen, und schon mahlen seine Kiefer. Ein paar Mal bei Plasberg schnappte Huber nach ihr wie in alten Zeiten, und es war gut, dass ein gegelter Eidgenosse, der Chefredaktor Roger Köppel, neutralisierend dazwischen saß. In der Sache war Huber nahe dran an Angela Merkel, nämlich irgendwie zutiefst „enttäuscht“ von Uli Hoeneß. Huber presste das Wort heraus wie damals, 2009, in der Wahlnacht, als der CSU der Freistaat ein kleines Stück unterm Gesäß weggezogen wurde. „Skun ja ned sei“ hat Huber damals ein ums andere Mal auf Huber-Niederbairisch hervorgestoßen, sichtlich um Fassung ringend, weil’s eben alles nicht sein durfte, seiner Meinung nach. Kleinmut kommt nach dem Fall.

Hätte man Vorahnungen haben können im Falle von Hoeneß? Als der seinen sechzigsten Geburtstag feierte, erschienen gleich zwei Biografien. Fürs Schreiben waren die Autoren auch ins Allerheiligste in Bad Wiessee vorgelassen worden, Hoeneß’ Bauernkate. Es gibt da, wurde notiert, einen Pool, auf dessen Boden mosaikartig zusammengesetzt Bulle und Bär posieren. Sicher, andere Leute hängen sich röhrende Hirsche auf oder irgendwas Nacktes, aber Börseninsignien als Schwimmbeckenschmuck? Sehr Onkel-Dagobert-artig. Aber so richtig was gedacht hat sich seinerzeit keiner dabei.

Allesbeherrscher bei der Osterweiterung

Uli Hoeneß ist mir als Spieler, Manager, Präsident und vor allem oft schnaubender Kommentator nach Spielen, nun ja, bekannt. Hunderte Male Mixed Zone eben. Erwin Huber hingegen kenne ich ein bisschen besser, und das kam so, dass ich nach einem Interview einmal gefragt habe, was er eigentlich so am 1. Mai mache. Das war 2004, und gemeint war die Nacht vor der EU-Osterweiterung. Huber sagte, er fahre zwischen Tschechien und Bayern hin und her und halte Reden, Ziel: Nachbarschaftspflege: „Kommen Sie doch mit!“

Nun bin ich schon dafür, beruflich möglichst nahe an den Dingen dran zu sein, komme jedoch grundsätzlich lieber aus der Tiefe des Raumes. Kneifen wäre dann aber auch verkehrt gewesen. Wir starteten in aller Früh. Vorn Huber, hinten Personenschutz. Die Personenschützer triezten den netten Fahrer vom Huber so lange, bis er überall, auch auf tschechischen Landstraßen, stets doppelt so schnell fuhr wie erlaubt. Auf Autobahnen nahm er den Standstreifen, mit Blaulicht und 220. Huber las Zeitung, aß Äpfel, hielt Vorträge. Er war der Allesbeherrscher, so sollte es aussehen. Zwischendurch redeten wir über seine extrem harte Jugend und den FC Bayern, den „besten Club der Welt“, wie Huber meinte. Drunter tat er’s zu der Zeit nie. Von Passau in die Oberpfalz nahmen wir den Hubschrauber. Mindestens ein Dutzend Mal in diesen insgesamt 20 Stunden sagte Erwin Huber mit einer demonstrativen Handbewegung ins Weite: „Schaun S’, des is Bayern!“ Er sagte nicht: „das Werk der CSU“, aber er meinte es. Sonst war er eigentlich total in Ordnung. Aber ich dachte auch (ich dachte es wirklich): Warte nur, balde . . .

So tanzten wir hier und da in den Mai und langten um drei Uhr in der Nacht wieder in München an. Er ging in seinen Staatskanzleibunker; ich schrieb die Geschichte auf. Huber sonnte sich noch eine Zeit, ehe er sich ziemlich verbrannte: CSU-Vorsitz, Landesbankdesaster, alles eine Nummer zu groß. Dann die Abwahl.

Heute fährt Erwin Huber oft mit der Trambahn, die am Landtag hält. Er wirkt, als sei er wieder einigermaßen bei sich.