Manchmal bräuchte es Lärm, Protest, Courage. Leichter gesagt als getan.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Mucksmäuschenstill wird’s öffentlich kaum noch. Fast immer hat einer was zu lachen, selbst an finstersten Stellen im Theater, flächendeckend. Oder ein Handy klingelt. Am vergangenen Sonntag in München im Grünen Saal vom Augustiner aber war es tatsächlich mal ganz stad, sekundenlang. Da las, im Rahmen einer Buchvorstellung, Gerhard Polt einen kleinen Beitrag, der vollkommen harmlos anfing, nämlich wie man – die alte Biermösl Blosn und er – einmal nach getaner Arbeit auf der Bühne mit dem Kanzler Gerhard Schröder und dessen Frau Doris Köpf am Wirtshaustisch in Hannover über einem Blunzngröstl gesessen sei.

 

Dann ging Schröder telefonieren, kam merkwürdig verschlossen zurück und ließ erst nach etlichen Nachfragen („War’s der Blair?“) etwas raus: „Ja“, sagt er, „die wollen unbedingt ihren Krieg.“ Anschließend Schweigen im Walde. Der letzte Satz lautete: „Und bald darauf hat’s im Irak ja auch gekracht.“ Man hätte – vierhundert Menschen, immerhin alle hinter Gläsern – wirklich ein Haar hören können, wie’s zu Boden segelt.

Im Nachhinein wird es meistens ruhig, wenn man sich an den Moment erinnert, wo es zur rechten Zeit richtig Lärm gebraucht hätte. Empörung. Protest. Courage. Widerstand. Aber das schreibt sich natürlich leicht.

Wiener Ausstellung „Alles meschugge?“

In Wiener Jüdischen Museum in der Dorotheengasse (www.jmw.at) gibt es zurzeit eine Ausstellung, die heißt „Alles meschugge?“ und handelt vom jüdischen Witz und Humor. Welches Volk wüsste besser zu erzählen, dass Weinen und Lachen (und Schweigen) über dieselben Dinge ganz eng beieinander liegen?

Der Rundgang geht los mit der Freudschen Bestimmung des Witzes in seiner Beziehung zum Unbewussten: aus Last wird Lust, der eigentliche Konflikt wird verdrängt und im gemeinsamen Gelächter aufgelöst. Folglich kommen einschlägige Experten zu Wort, Gerhard Bronner und Georg Kreisler, später Leute, die nicht davor zurückschreckten, auch die Shoa immer wieder zu thematisieren: George Tabori und Woody Allen. Tabori erzählte gern: „Der kürzeste deutsche Witz heißt Auschwitz“. Woraufhin es meist sehr ruhig wurde. Der Wiener Oberrabbiner Chaim Eisenberg sagt dazu , dass es eben Witze gebe, die einfach nur Juden erzählen dürften, und andere nicht. Daran knüpft auf seine eigene Art ein Stand-Up-Comedian wie Oliver Polak („Jud süß-sauer“) an, während der noch nicht in der Ausstellung vertretene amerikanische Autor Shalom Auslander gerade eine alte Idee von Philip Roth aufgegriffen hat. In Auslanders soeben auf Deutsch erschienenem Roman „Hoffnung. Eine Tragödie“ findet sich Anne Frank als Überlebende und steinalte Frau auf einem amerikanischen Dachboden wieder. Gänzlich unerwünscht von den eigenen Leuten, versteht sich. Lacht man da? Oder Schweigt? Versteinert politisch korrekt oder wie auch immer?

Buchstäblich allgemeinverträglicher ging mit Selbstzweifeln, aber auch jüdischem Selbstbewusstsein Ephraim Kishon um, den die ziemlich freien Übersetzungen Friedrich Torbergs aus dem Hebräischen tatsächlich zum beliebtesten westdeutschen Nachkriegsautor machten; 33 seiner insgesamt 43 Millionen Bücher verkaufte Kishon hierzulande. Die Kinder der Nazis also (unter anderen) liebten den „Blaumilchkanal“ oder die Frau Lot jenes Mannes, der in Israel bei „Ma’ariv“ eine tägliche Zeitungskolumne als Chad Gadja (Lämmchen), unterhielt. Kishon hieß eigentlich Ferenc Hoffmann und stammte aus Budapest, wo zurzeit eine aggressiv antisemitische und rechtsextreme Regierung unter Viktor Orbán die Menschenrechte planiert, um das Mindeste zu sagen. Kommt die Rede auf Ungarn, was selten genug ist, wird es überall sehr still.