Man verlegt sie, verliert sie oder passt ganz besonders gut auf sie auf. Wer einen Schlüssel hat, muss auch das dazugehörige Schloss kennen, findet unser Kolumnist Mirko Weber.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Wien - Entschuldigen Sie bitte“, sagte der freundliche Mann im Wiener Café Engländer, „könnte es sein, dass Sie den falschen Rock gewählt haben?“. Er hatte mir dabei zugesehen, wie ich – fast schon im Rausgehen und immer ungläubiger drein schauend – drei Taschen einer Jacke abtastete, die zunächst identisch mit der meinen zu sein schien, allerdings direkt eine Nummer zu groß wirkte und auch ganz anders bestückt war: mit einer Shag-Pfeife links und einem monströsen Schlüsselbund rechts. In der Brusttasche hingegen, wo immer mein Notizheft steckt, war gar nichts. Wir lachten, ich zog das fremde Teil aus, nahm das darunter hängende Kleidungsstück vom Haken und entschuldigte mich. Seltsam genug, fanden wir, dass es dieses Modell einer ehemals französischen Fischerjacke in Wien zweimal gebe, aber auch wieder nicht: „Schließlich ist es ein wirklich guter Rock“, sagte der höfliche Mann, und im Café Engländer passierten manchmal schon seltsame Dinge. Wir probierten noch ein paar Scherze, und dann war dieser irgendwie seltsame Moment am Mittag vorbei.

 

Was hätte der Mann ohne Schlüsselbund gemacht? Und was hätte man selbst mit den Schlüsseln angefangen, deren dazugehörige Schlösser man nicht kennen würde, und wenn doch , wäre einen ja kaum angegangen, was sich hinter den Türen abspielte. „Sie hätten sich schön gewundert, in der Wohnung“, hatte der Mann im Café Engländer noch gesagt. In Märchen gibt es das natürlich, dass auf einmal die eigenen Schlüssel überall passen, also wo man wollte, und so richtig zunutze hat sich diese im richtigen Leben unwahrscheinliche Wendung der Schriftsteller Jurek Becker gemacht. Er lässt seinen Helden Gregor (der natürlich auch Schriftsteller werden will) in „Irreführung der Behörden“ Anfang der siebziger Jahre eine Geschichte erzählen, die ihm ein Verlagslektor glauben soll, das heißt abkaufen.

Der Pantomime träumt von einem Schlüsselbund aus Eis

Die Geschichte geht so, dass ein junger Mann namens Toni sich in ein Mädchen verliebt und sie auf ein Eis einlädt. Weil es noch ein ordentlicher Weg zur Eisdiele ist, sagt er, sie könnten auch sein Auto nehmen. Natürlich ist es kein Wartburg, sondern ein Cadillac. Das Buch erschien in der Post-Ulbricht-Phase, als gerade kulturpolitisch so etwas wie Tauwetter ausgebrochen war, vierzig Jahre her erst (oder schon). Jedenfalls passen Tonis Schlüssel nicht nur für Wagenschlösser, sondern auch für eine Villa, auf die das Mädchen deutet. Natürlich wird Toni nun ein bisschen größenwahnsinnig – und probiert sein Glück gleich noch mal, indem er mit seiner Schlüsselnummer vor einer zweiten Frau angibt, die er aber gar nicht liebt. Fortan geht – logisch – alles schief. Nichts passt, und obwohl die Sache doch noch gut ausgeht, bleibt der Lektor skeptisch. Ein paar Jahre später ging Jurek Becker in den Westen. Und brauchte vollkommen andere Schlüssel.

Normalerweise fehlen sie einem ja. Man hat sie verlegt, verloren – oder besonders gut aufgehoben. Heinrich Bölls Charakter Hans Schnier, aus „Ansichten eines Clowns“, träumt als Pantomime von einem Schlüsselbund aus Eis, das während der Vorstellung dahinschmelzen würde, eine absurde Vorstellung, fast wie von Beckett. Weit verbreitet ist auch das Gefühl, trotz aller vorhandenen Schlüssel mancherorts nicht mehr zeitig reinzukommen. Bob Dylan singt in „Tryin to get to Heaven“ davon: „I’ve been all around the World, Boys, now I’m trying to get to Heaven before they close the Door.” Umgekehrt allerdings ist auch ein Fall zu Berühmtheit gekommen. Es ist die Story von dem Mann, dessen letztes Hemd noch nicht mal Taschen hat, und der trotzdem, obwohl eigentlich tot, aus einer Höhle herauskommt, vor die ein großer Stein gewälzt worden war. Der Mann trifft dann alte Freunde. Alle Tage, heißt es bei Matthäus. Bis ans Ende der Zeit.